Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher im Interview. 
Foto: Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

BerlinDie DDR ist an dem Ziel, die Wohnungsfrage bis 1990 zu lösen, grandios gescheitert. Zumindest städtebaulich sei in den vergangenen 30 Jahren aber vieles richtig gemacht worden, sagt Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher.

Frau Senatorin, was haben Sie am 9. November 1989, gemacht?

Ich war abends zu Hause, beschäftigt mit meinem kleinen Sohn und meinen häuslichen Pflichten. Ich habe das weltbewegende Ereignis erst am nächsten morgen früh in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit mitbekommen. Nicht sehr spektakulär, aber auch nicht sehr selten, wie ich weiß ...

Was ist falsch gelaufen in der Wohnungsbaupolitik der DDR? Und was ist gut gelaufen?

Ehrlich gesagt gibt es in den letzten Jahren der DDR nicht mehr viel, was gut gelaufen ist. Weil sich schon seit Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre abgezeichnet hat, dass die Strategie, auf der grünen Wiese neue Wohnungen zu bauen, das Land ökonomisch und auch städtebaulich überfordert hat. Gut gelaufen ist, dass es dann einen gewissen Trendumschwung gegeben hat hin zur Modernisierung von Altbauten und Erhaltung kulturell bedeutsamer Gebäude. Aber das große Ziel, bis 1990 die Wohnungsfrage zu lösen – daran ist die DDR grandios gescheitert.

Foto: Paulus Ponizak/Berliner Zeitung
Katrin Lompscher

... wurde am 7. April 1962 in Berlin (Ost) geboren
... machte 1978 bis 1981 eine Ausbildung mit Abitur zur Baufacharbeiterin
... trat 1981 in die SED ein
... studierte von 1981 bis 1986 an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, das sie als Diplomingenieurin abschloss
... wurde 1987 Mutter eines Sohnes
... wurde 2006 Gesundheitssenatorin und amtiert seit 2016 als Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen

In welcher Funktion haben Sie die Zeit erlebt?

Ich war noch relativ jung. Ich bin 1978 nach der zehnten Klasse bei einem Tiefbaubetrieb in die Lehre gegangen. Dort konnte ich Berufsausbildung und Abitur machen. Das ging bis 1981. Danach habe ich fünf Jahre in Weimar Städtebau studiert. Es war mit Händen zu greifen, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich kannte ja den Kontrast zwischen Berlin und der Provinz. Ich hatte immer Aufträge, etwas mitzubringen, weil es das dort nicht gab: Ob es Tempotaschentücher waren oder Ketchup. Die politischen Diskussionen waren hitzig. Man hatte das Gefühl, es hilft nur eine biologische Lösung, so haben wir das genannt. Die Partei- und Staatsführung war überaltert. Nach dem Studium kam ich an die Bauakademie der DDR, Institut für Städtebau und Architektur. Dabei lagen die Erkenntnisse auf dem Tisch. Man wusste schon, dass wir es nicht schaffen werden, neue Wohnungen zusätzlich zu gewinnen, wenn wir die bestehenden Wohnungen nicht erhalten könnten.

Hatten Sie in der Wendephase ein Bild davon, wie sich die Stadt Berlin entwickeln könnte?

Insgesamt gab es ein Bild von der Stadt, das sich städtebaulich nicht so wahnsinnig unterschieden hat von den Stadt-Ideen im Westen. Die Nachkriegsmoderne hat ja in Ost und West ähnliche Ausprägungen entwickelt. Nur dass die autogerechte Stadt im Osten einfach von weniger Autos beherrscht war. Aber autogerecht war sie – aber Hallo!

Was wussten Sie von West-Berlin?

Das war lustig. Ende 89/Anfang 90 haben wir erstmals Karten auf den Tisch gekriegt in unserer Planungsabteilung, die auch stimmten. Die kamen vom Ministerium der Verteidigung und da waren Dinge vermerkt, die wir vorher nicht auf unseren Karten hatten.

Wir haben weit zurückgeblickt. Wenn wir in die Jetzt-Zeit schauen: Was wurde in den 30 Jahren seitdem richtig gemacht? Und was falsch?

Städtebaulich ist vieles richtig gemacht worden. Die Qualifizierung der Altbaugebiete ist konsequent umgesetzt worden. Das ist ein ganz großes Plus. Außerdem hat es in Berlin nie wirklich eine Diskussion darüber gegeben hat, dass man den Plattenbau vollständig diskreditiert und abräumt.   Auch Planung und Ergebnis zur Hauptstadtwerdung finde ich überzeugend. Was ich wunderbar finde, ist, dass man beim Zusammenweben der Stadthälften große Grünräume geschaffen hat: Der Mauerpark, der Park am Nordbahnhof, oder der Park am Gleisdreieck sind bedeutende Zugewinne für Qualität in der Stadt.   Architektonische Highlights sind eher selten. Aber Berlin ist nun mal keine Stadt, die wie ein Freiluftmuseum funktioniert, was die gebaute Umwelt angeht. Wir sind ein zeitgeschichtlicher Ort, ein Ort in Bewegung. Das alles gehört auf die Haben-Seite.

Und was steht auf der Soll-Seite?

Wir wissen, dass städtebauliche Aufwertung mit sozialer Ausgrenzung verbunden war – und ist. Und dass alle Versuche dem entgegenzuwirken durch Modernisierungsförderung und Selbsthilfeprogramme letztlich nicht ausreichend gefruchtet haben. Es sind so viele öffentliche Mittel in Viertel geflossen, die jetzt sehr schön sind, die sich aber nicht mehr alle leisten können. Dabei geht es doch darum, städtebaulichen Intervention ohne Verdrängung hinzuzubekommen. Aufwertung ohne Verdrängung – das ist das uneingelöste Versprechen einer modernen Städtebaupolitik.

Sie würden sagen, dass wir heute noch davon entfernt sind?

Ja, sind wir. Wir haben jetzt wieder bessere Chancen, weil wir wieder in den kommunal geförderten Wohnungsbau eingestiegen sind. Weil wir alle Anstrengungen unternehmen, bei den neuen Quartieren von vorneherein eine Mischung zu konzipieren. Auch dass wir keine Grundstücke mehr privatisieren, ist natürlich ein Riesenvorteil. Höchstmögliche Verwertung wird es natürlich weiterhin geben, wir leben schließlich im Kapitalismus. Aber da, wo wir steuern können, da steuern wir jetzt.

Möglicherweise erleben wir gerade eine Art Zeitenwende: Wie weit wird diese Zeitenwende gehen?

Es hat eine Weile gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Den Verkaufsstopp öffentlicher Wohnungen gab es schon 2006. Trotzdem sind auch danach aus wirtschaftlichen Gründen Verkäufe erforderlich gewesen. 2011 ist die Wende in der Liegenschaftspolitik von stadtpolitischen Initiativen angestoßen worden. Die Politik musste ein bisschen zum Jagen getragen werden. Jetzt setzt sie es aber sehr konsequent um. Damit setzen wir auch ein Zeichen über Berlin hinaus.

Wie sehen Sie die Rolle großer Immobilienunternehmen in den kommenden Jahren?

Wenn wir in einer echten sozialen Marktwirtschaft leben würden, dann wäre es klar, dass wir auch private Akteure in der Stadtentwicklung nicht nur akzeptieren, sondern sogar brauchen. Wenn es uns gelingt, die Rahmen im Wohle der Stadt und der Allgemeinheit zu setzen, ist das völlig in Ordnung. Dann finde ich es wichtig darauf zu achten, dass Wohnungen in dem Spektrum angeboten werden, dass Menschen sie auch nachfragen. Dass sie eben nicht nur hochpreisig sind, sondern dass wir ein Angebot für breite Schichten der Bevölkerung auch aus privater Hand bekommen.

Sie sagten: Wenn wir in einer sozialen Marktwirtschaft leben würden… Tun wir das nicht?

Ich würde sagen, die sozialen Rahmensetzungen schwächen sich ab. Im rheinischen Kapitalismus – so habe ich ihn aus der Geschichte wahrgenommen – war die Balance immer das Erfolgsmodell. Dass man gemeinsam Wirtschaft und Wohlstand entwickelt und dann auch vergleichsweise gerecht verteilt.

Und jetzt sind wir in Manchester, oder wie?

Es ist unstrittig, dass durch den Wegfall der Systemkonfrontation und insbesondere durch die neoliberale Hegemonie, die über einen sehr langen Zeitraum herrschte, die Zügel lockerer sind.

Was waren denn die größten Fehler nach der Wiedervereinigung im Bereich der Städteplanung?

Es war natürlich ein Fehler, dass die Stadt, die eine große sozialreformerische Geschichte des gemeinwohlorientierten Wohnungsbaus hat, ab Ende der 90er-Jahre abrupt abgebrochen ist. Bei aller Unberechenbarkeit der Zukunft hilft in der Stadtbauentwicklung Stetigkeit. Wir hätten heute nicht so ein Wohnungsproblem, wenn wir nicht mindestens zehn Jahren gehabt hätten, in denen unnatürlich wenig gebaut wurde. Wir hatten Fertigstellungszahlen von unter 5 000 im Jahr. Das ist für eine Stadt wie Berlin natürlich ein Witz.

Ihre Partei unterstützt ein Volksbegehren für die Enteignung solcher Konzerne ab 3 000 Wohnungen. Was bliebe dann für Deutsche Wohnen & Co?

Es geht im Kern darum, die Sozialpflichtigkeit des Eigentums entweder zu bewahren oder durchzusetzen – und wenn man keine andere Möglichkeit sieht, dann auch die Vergesellschaftungsoption zu eröffnen. Das heißt, eine Deutsche Wohnen, die sich als Partner der Stadtentwicklung und von Nachbarschaften erweist, die sich auch noch als sozial verantwortungsvoller Vermieter erweist, hätte von dem Volksbegehren nichts zu fürchten.

Ehrlich gesagt kenne ich Herrn Zahn in meiner neuen Funktion nicht direkt persönlich. Wir schreiben uns Briefe.

Katrin Lompscher

Wie ist Ihr Verhältnis zum Chef der Deutsche Wohnen, Michael Zahn?

Ehrlich gesagt kenne ich ihn in meiner neuen Funktion nicht direkt persönlich. Wir schreiben uns Briefe. Ich kenne ihn aus meiner früheren Zeit als Abgeordnete. Da war er mehrfach vor den Stadtentwicklungsausschuss geladen.

Wie weit, glauben Sie, kann man gehen mit der Regulierung?

Es ist völlig klar, dass aus der Bewirtschaftung eines Wohnhauses gesichert sein muss, dass das Eigentum erhalten werden kann, dass nicht dauerhaft Verluste erwirtschaftet werden oder die Substanz gefährdet wird. Das gilt für alle Besitzer – egal, ob Genossenschaft, Kleinvermieter, eine Städtische oder ein großes privates Unternehmen. Dazu kann es auch gehören, dass man vertretbare Mieten nimmt. Es ist dann nicht mehr okay, wenn es zu unangemessen hohen Forderungen für Wohnungen führt, die das Geld nicht wert sind. Und wo auch ganz offensichtlich ist, dass man das nicht braucht, um die Bestände zu erhalten.

Wie stellen Sie sich Deutschland im Jahr 2029 vor?

Ich habe eine etwas reduzierte Perspektive: Ich gucke mir Berlin an. Die Stadt wird nicht völlig anders aussehen. Wir werden vielleicht mehr Grün sehen. Da wir aktuell eine Phase haben, in der sehr viel neugebaut wird und in der wir neue Stadtquartiere vorbereiten, werden wir 2029 auch schon die ersten Ergebnisse sehen. Wir werden sehen, dass Berlin insgesamt wächst. Und wir werden das, was Berlin immer ausmacht – die Mischung im sozialen, funktionalen und im architektonischen Bereich – auch bei den neuen Quartieren weiterverfolgen. Ansonsten bleibt Berlin natürlich Berlin.

Das Interview führten Elmar Schütze und Ulrich Paul.