Berlin - Die Europäische Zentralbank (EZB) macht Ernst: Am kommenden Montag startet sie  ihr Anleihekauf-Programm, mit dem sie hunderte von Milliarden Euro in die Wirtschaft pumpen will. Noch hat sie keine einzige Anleihe erworben, doch die Finanzmärkte haben schon reagiert: Der Euro ist auf Elf-Jahres-Tief gefallen, die Zinsen sind im Keller. Das spart den Staaten viel Geld und sichert ihre Zahlungsfähigkeit: „Die EZB beseitigt mit ihrem Programm die Gefahr einer Staatspleite in der Euro-Zone“, so die Analysten der Bank Credit Suisse.

Zwar mehren sich die Anzeichen einer wirtschaftlichen Stabilisierung in der Euro-Zone. Der niedrige Ölpreis lässt Verbrauchern  und Unternehmen mehr Geld zum Konsumieren und Investieren. Daneben stützt der schwache Euro den Export. Dennoch steht die Erholung auf schwachen Füßen. So zeigte  die Industrieproduktion der Euro-zone im Dezember lediglich eine Stagnation. Sorgen bereitet der EZB insbesondere die niedrige Inflationsrate: Mit minus 0,3 Prozent lag sie im Februar weit unter dem Ziel der Zentralbank von knapp unter 2,0 Prozent.

„Die Erholung bleibt gedämpft“

In ihren neuen Projektionen erwartet die EZB  nur eine Inflationsrate von null Prozent im laufenden und 1,5 Prozent im nächsten Jahr. 2017 soll die Preissteigerungsrate dann wieder bei 1,8 Prozent liegen. Gleichzeitig hob die EZB am Donnerstag ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum an. Für 2015 erwartet sie nun einen Wert von 1,5 statt zuvor 1,0 Prozent und für 2016 von 1,8 statt zuvor 1,3 Prozent. „Die Erholung bleibt allerdings gedämpft“, sagte EZB-Chef Mario Draghi.

Um die Konjunktur zu stützen und die Wende bei der Inflation  zu erzwingen, fährt die Zentralbank nun ihr schwerstes Geschütz auf: Am 22. Januar verkündete sie ihr Programm, unter dem sie bis September 2016 monatlich Anleihen über 60 Milliarden Euro kaufen wird – insgesamt also 1,14 Billionen Euro. In den nächsten zwölf Monaten will die EZB allein Staatsanleihen über 550 Milliarden Euro erwerben. Gleichzeitig stellte Draghi am Donnerstag klar: Zur Not wird das Anleihekaufprogramm auch verlängert. Die Zentralbank werde es so lange durchführen, „bis sich die Inflationsrate nachhaltig in Richtung unseres Zielwerts von knapp unter zwei Prozent bewegt“, sagte Draghi.

Dieser massive Nachfrageschub am Markt für Euro-Anleihen soll die Zinsen weiter senken, die Kreditvergabe und damit die Konjunktur ankurbeln. Die Finanzmärkte  haben bereits im Vorfeld auf die Ankündigung reagiert: Die niedrigen Zinsen machen den Euro als Anlage unattraktiv, sein Kurs ist daher gegenüber dem US-Dollar auf die niedrigsten Stand seit 2003 gefallen. „Insbesondere die deutsche Wirtschaft sollte hiervon profitieren“, kommentierte Stefan Bielmeier von der DZ Bank. Er rechnet mit einem Exportplus 2015 von 1,5 Prozentpunkten, was das deutsche Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozentpunkte erhöhen könnte.

Zudem sind die Zinsen im freien Fall. Das freut die Finanzminister der hoch verschuldeten Euro-Staaten. So zahlte Spanien vor einem Jahr noch 3,4 Prozent Zinsen auf zehnjährige Anleihen, derzeit sind es 1,35 Prozent. Deutschland verschuldet sich inzwischen zum Nulltarif. Die portugiesische Regierung muss für ihre Schulden derzeit weniger zahlen als die wirtschaftlich starken USA.

Das spart Europa viel Geld. Trotz steigender Staatsschulden sinkt die Zinslast. Die Bank Credit Suisse berechnet, dass die Euro-Staaten im vergangenen Jahr noch Zinsen in Höhe von drei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung an ihre Gläubiger zahlen mussten, 2020 würden  es weniger als zwei Prozent sein. Das gesparte Geld wird damit frei für andere Ausgaben, zum Beispiel zur Förderung der Konjunktur. „Die Anleihekäufe der EZB ermöglichen also eine expansivere Finanzpolitik“, so die Bank, „und senken deutlich die Gefahr eines Zahlungsausfalls, selbst wenn die Konjunktur und Inflationsrate nicht steigen sollten.“ Sprich: Die EZB spannt ein breites Sicherheitsnetz für Europa.

Ungelöste Frage

Eine Frage bleibt jedoch ungelöst: Wird die EZB überhaupt genug Anleger finden, die ihre Euro-Anleihen an sie verkaufen wollen? Denn die europäischen Banken brauchen große Mengen an Staatsanleihen als Sicherheits-Reserve. Auch Versicherungen und Pensionsfonds dürften an ihren Papieren festhalten, da sie laut Gesetz hauptsächlich in Euro-Anleihen investieren müssen. Zudem – wenn sie ihre noch relativ gut verzinsten Anleihen an die EZB verkaufen, was tun sie dann mit dem Geld? Schließlich bringen neue Anleihen nur noch extrem geringe Renditen. Ausländische Zentralbanken schließlich dürften ebenfalls als große Verkäufer ausfallen, da die Euro-Staatsanleihen Teil ihrer Devisenreserven sind.  „Die drängendste Frage ist daher, ob es ausreichend verkaufswillige Marktteilnehmer gibt“, so Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING.