Berlin - Als die Läden nach der ersten Corona-Schließzeit im Frühjahr wieder eröffneten, folgte diese Horrormeldung: „Es werden nur Bedarfskäufe getätigt, mehr nicht“, klagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland. Nur Bedarfskäufe! Die Leute kaufen nur, was sie brauchen! Irre. Wenn es etwas gibt, das die gegenwärtige Gesellschaftsordnung stürzen kann, dann ist es Konsumverweigerung.

Ende Juli bestätigte sich der Schrecken: „Wir spüren, dass die Kunden beim Einkauf planvoll vorgehen und oft nur Bedarfskäufe tätigen“, konstatierte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen. Planvolle Bedarfskäufe! Zu wenig Menschen, die „einfach aus Lust am Shoppen“ durch die Läden ziehen.

Das Ende der abendländischen Shoppingkultur vor Augen, appellierte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier Ende November an das deutsche Volk: Kauft ein! Der Schutz des stationären Einzelhandels sei eine „nationale, ja, auch eine patriotische Aufgabe“.

Der Online- und Versandhandel kommt derweil vor lauter Umsatz kaum dazu, sich freudig die Hände zu reiben. Er ist der klare Gewinner der Corona-Krise, stellt das Statistische Bundesamt fest, die Wachstumsraten liegen bei 30 Prozent. Also Entwarnung? Keine millionenfache Konsumverweigerung, keine aufkeimende Wegdenker-Bewegung, die „Kauf-nix-Tage“ zum Dauerzustand erklärt. Das Abendland ist nicht in Gefahr, nur die Innenstadt – was auch immer das in Berlin sein soll.

Man muss also konstatieren: Nicht einmal eine solche Seuche schafft es, ein vertieftes Nachdenken über Leben und Zukunft, ein Innehalten zu bewirken. Jeder Kauf über den Bedarf hinaus bedeutet mehr verbrauchtes Material, mehr vergeudete Energie, mehr sinnlose Transporte und mehr unnötigen Müll, der im Meer oder irgendwo in Asien oder Afrika abgeladen wird – eine Schande.

Konsum ist das erste Gebot der kapitalistisch organisierten Industriegesellschaft und das tückischste – man erfüllt es so gern. Aber niemand kann glauben, dass das Verbrauchen um des Verbrauchens willen eine Chance zum Überleben bietet. Dass es sich um etwas anderes als um kollektiven Selbstmord handelt. Das sind trübe Gedanken am Beginn des neuen Zu-Hause-bleib-Gebots. Schrecklich moralisierende obendrein. Aber wenn diese neue Zäsur, dieses erzwungene Innehalten irgendetwas mehr bringen soll als die Absenkung der Infektionsraten, dann käme doch das Nachdenken über Sinn und Unsinn der Wachstumsreligion durchaus infrage.

Warum muss alles immer wachsen? Warum ist die Wachstumsrate der Wirtschaft das Goldene Kalb, um das wir springen? Um den Gedanken, dass in einer begrenzten Welt nichts endlos wachsen könne, möglichst schnell zu ersticken, erklären Ökonomen die Antriebskräfte der Wohlstandsgesellschaft gerne mathematisch. Demnach lohnt sich Produktion für einen Unternehmer nur dann, wenn er genügend Gewinn macht, um die Zinsen für die Kredite abzuzahlen, die er für die Produktion aufnehmen musste, und wenn er zusätzlich einen Reingewinn für das Eigenkapital erwirtschaftet. So wird der magische Kreislauf des Wachstums in Gang gesetzt und als eine Art Naturgesetz verkauft.

Bemerkenswertes Wirtschaftswachstum gibt es erst seit etwa 150 Jahren, in den Jahrhunderten davor bewegte sich lange gar nichts, dann wenig, und der Lebensstandard stagnierte. Erst das lang anhaltende Wachstum erbrachte Wohlstand für viele. So lautet ein wichtiges Argument Pro-Wachstum. Es klingt plausibel, solang man nicht zwei Fragen stellt: die nach der Verteilung des Wohlstands und die nach dem Ressourcenfraß.

Ökonomen sagen, man müsse das Wachstum nur richtig gestalten, dann ließen sich die Probleme lösen: Die Klimakrise wäre zu lösen, wenn der Verbrauch fossiler Energien vom Wachstum entkoppelt wird. Ressourcen könnten durch Recycling geschont werden, wenn es ein solches System in ehrlicher Form gäbe. Aber was ist mit solchen Ressourcen wie Sand? Bald ist der zum Bauen geeignete Sand alle. Und dann?

1972 legte der Club of Rome seine Berechnungen zur Zukunft der Weltwirtschaft vor. Sie hatten ergeben, dass die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Lauf der nächsten hundert Jahre erreicht würden. Die Hälfte der Zeit ist vorbei. Die für verstaubt gehaltenen Ideen bleiben aktuell und immer mehr Menschen fragen sich, warum es nicht möglich sein soll, wenigstens auf tödliche, schädliche, unnötige oder sinnlose Produktion zu verzichten.

Die nahende Krise ist größer als der Klimawandel. Fürs Erste empfiehlt Greta Thunberg: „Kauft kein Zeug, das ihr nicht braucht.“ Daran halten sich nicht einmal Greta-Fans. Ich will es versuchen.