Menschen in Schutzanzügen.
Foto: imago images/Noah Wedel

BerlinNach dem Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies hat sich die Situation im Kreis Gütersloh über das Wochenende zugespitzt. Die Zahl der Infizierten steigt weiter an, gleichzeitig wurde bekannt, dass vermutlich einige von ihnen noch vor der Quarantäne die Region verlassen haben. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet besuchte den Krisenstab vor Ort am Sonntag und schloss einen flächendeckenden Lockdown erneut nicht aus. Da die Fälle derzeit noch „klar lokalisierbar“ seien, wolle man sich aber zunächst darauf konzentrieren, die Quarantäne der Infizierten durchzusetzen und deren Kontakte nachzuverfolgen, sagte der CDU-Politiker am Nachmittag bei einer Pressekonferenz.

Die Tests bei den knapp 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seien inzwischen abgeschlossen, wenn auch noch nicht alle ausgewertet. Mittlerweile sind mehr als 1300 Infizierte bestätigt. Die meisten von ihnen sind Vertragsarbeiter aus Polen, Bulgarien und Rumänien, die bei Tönnies auf Werkvertragsbasis beschäftigt sind. Laschet wurde von den Konsuln der drei Länder begleitet.

Nach Abschluss der Tests sei nun die Hauptaufgabe, die Quarantäne der Mitarbeiter durchzusetzen, sagte Laschet. Das stellt für die Behörden allerdings eine enorme Aufgabe da, da die Tönnies-Beschäftigten nicht in Sammelunterkünften untergebracht sind, sondern in Wohnungen, die sich auf rund 1300 Liegenschaften verteilen. Nach Angaben von Laschet unterstützen drei Hundertschaften der Polizei das Ordnungsamt. „Aber das ist nur der formale Teil“, so Laschet weiter. Man wolle vor allem versuchen, mit den Tönnies-Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, weshalb auch Dolmetscher „in unbegrenzter Zahl“ eingesetzt würden. Die Betroffenen sollten überzeugt werden, nicht in die Heimatländer abzureisen, sondern sich im Krankheitsfall hier in ärztliche Behandlungen zu begeben.

Die Stadt Verl im Kreis Gütersloh hat bereits am Sonnabend in einem Stadtteil eine Quarantänezone eingerichtet. Mehrere Mehrfamilienhäuser, in denen Werkvertragsarbeiter der Firma Tönnies untergebracht sind, wurden unter Quarantäne gestellt. Der gesamte Bereich wurde mit Bauzäunen abgeriegelt. In den betroffenen Häusern leben in drei Straßenzügen insgesamt knapp 670 Menschen. Nicht alle sind in dem Tönnies-Werk beschäftigt.

Die Verantwortlichen wollten am Sonntag nicht ausschließen, dass es bereits einige Abreisen von Werksarbeitern gegeben hat. Wie viele das seien, wisse man aber nicht. Man werde dies feststellen, wenn man die Wohnungen der Mitarbeiter überprüfe, sagte der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven Georg Adenauer. Man habe aber erst in der vorvergangenen Nacht gegen 1.30 Uhr die Adressen der Mitarbeiter erhalten.

Die mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Firmenverantwortlichen sprach auch der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) an. Man habe es hier mit Strukturen zu tun, in denen es keine Transparenz gebe, sagt er am Sonntagnachmittag. „Und wo es keine Transparenz gibt, kann es kein Vertrauen geben.“ Er habe diesbezüglich seine Meinung gebildet: „Mit der Fleischindustrie kann es keine freiwilligen Vereinbarungen geben.“ Man werde nun gesetzlich für humanere Arbeitsbedingungen sorgen, sagte er und verwies auf entsprechende Pläne von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Er räumte ein, dass die für Arbeitsschutz zuständige Behörde die Firma noch im Mai überprüft habe und keine Beanstandungen hatte. Das liege auch an den Verhältnissen vor Ort. Bis die Überprüfer die erforderliche Schutzkleidung angelegt hätten und durch die Sicherheitsschleusen hindurch seien, vergehe genug Zeit, um eventuelle Missstände zu beseitigen.

Der Corona-Ausbruch ist bereits der zweite innerhalb weniger Wochen in der Fleischindustrie. Im Mai war der Betrieb Westfleisch im Kreis Coesfeld in die Schlagzeilen geraten. Dort wurden mehr als 280 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet. Der Betrieb musste zwischenzeitlich geschlossen werden. Die Fleischfabrik Tönnies ist der größte derartige Betrieb in der Branche. Hier wird rund ein Drittel der rund 60 Millionen Schweine geschlachtet, die in Deutschland jährlich verarbeitet werden. Mittlerweile ist der Betrieb für mindestens 14 Tage geschlossen, allerdings soll laut Landrat noch ein Teil des Fleisches verarbeitet werden dürfen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte dagegen, das Werk in Rheda-Wiedenbrück umgehend zu schließen. Er halte es für „nicht vertretbar“, dass dort derzeit überhaupt noch gearbeitet werde, sagte Lauterbach im WDR.

Auch andere Politiker forderten harte Konsequenzen aus dem Fall. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Anton Hofreiter, verlangte in der Bild am Sonntag strengere Kontrollen der Fleischwirtschaft und rief zum Boykott auf. „Jeder von uns hat es in der Hand, welches Unternehmen man selbst unterstützt“, sagte er. „Es ist an der Zeit, dass die großen Supermarktketten sich nicht länger mitschuldig machen. Sie sollten Tönnies-Produkte aus ihrem Angebot nehmen.“

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