Nehmen wir den Golf 7. Rund 1150 Kilo bringt der Neue aus Wolfsburg auf die Waage. Das Gewicht kommt zusammen, weil vor allem Eisen, Stahl, Aluminium und Kupfer im Fahrzeugbau verwendet werden. Zu rund 75 Prozent besteht ein Golf nach Angaben von VW aus metallischen Rohstoffen; bei anderen Herstellern und Fahrzeugtypen verhält es sich ähnlich.

Die deutsche Automobilindustrie ist bei all diesen Metallen zu fast 100 Prozent von Importen abhängig – und „trägt damit auch Verantwortung für die Bedingungen des Abbaus und der Verarbeitung“, heißt es in einer Studie von Misereor, Brot für die Welt und Global Policy Forum Europe (GPF). Präsentiert wurde die Studie mit dem Titel „Vom Erz zum Auto“ am Donnerstag in Berlin beim Hearing „Rohstoffe für die Reichen – Lebensbedingungen der Armen“, das die beiden kirchlichen Hilfswerke arrangiert hatten.

Denn so glanzvoll wie der neue Golf vom Band rollt, ist das Geschäft mit den metallischen Ressourcen nicht. Ihr Abbau geht häufig mit Menschenrechtsverletzungen, verheerenden Umweltschäden und Vertreibungen einher, wie die Studie belegt. „Kinder und Frauen werden in Minen ausgebeutet, Wasser durch radioaktive Stoffe verseucht“, berichtete Rechtsanwalt Jean Claude Katende über den Kupferabbau in der Demokratischen Republik Kongo.

Industrie darf sich Verantwortung nicht entziehen

Pfarrer Joy Pelino beklagte, auf den Philippinen missachte eine Tochter des schweizerischen Xstrata-Konzerns bei ihrem Kupferbergbau-Projekt in der Region Tampakan die Rechte der indigenen Bevölkerung. „Es gibt keinen Dialog mit den Menschen, Paramilitärs verwehren ihnen den Zugang zum Wald, die für den Reisanbau nötige Wasserversorgung ist durch den Abbau bedroht.“

Die Kluft zwischen dem, was Unternehmen wie Thyssen-Krupp, Vale und Rio Tinto erwirtschaften, und dem, was bei den Menschen ankommt, sei riesig, beklagte der brasilianische Jurist Danilo Chammas.

Zweifellos sei es in erster Linie Pflicht der Rohstoffländer und Bergbaukonzerne, dafür zu sorgen, dass Menschenrechtsstandards eingehalten werden, sagte Alex Müller von Misereor, Mitautor der Studie. Aber auch die „endverarbeitende Industrie trägt eine Verantwortung, der sie sich nicht entziehen darf“.

Darauf weisen längst auch eine Reihe von internationalen Vereinbarungen wie die „OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen“ hin. Grundsätzlich bekennen sich die deutschen Autobauer zu Umwelt- und Menschenrechtsstandards. So sind VW, Daimler und BMW auch Mitglied des Global Compact – einer UN-Initiative, die Unternehmen verpflichtet, ihr Geschäft an den Menschenrechten, an Kernnormen der Internationalen Arbeitsorganisation, an Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung auszurichten.

„Die soziale und ethische Verantwortung wird von den deutschen Automobilbauern längst gelebt“, versicherte Klaus Badenhausen, lange Jahre im Management bei Daimler tätig und jetzt freier Berater. Ein Unternehmen könne am Markt nicht bestehen, wenn es nicht zur sozialen Verantwortung stehe, sagte Andreas Möller vom Kupferhersteller Aurubis.

Bundesregierung verhindert Transparenz

Das Problem, so die Studie, sei aber, dass eine systematische Überprüfung nicht erfolgt und vom Gesetz auch nicht verlangt wird. Die Autobauer selbst verweisen oft auf die komplexen Zulieferketten mit einer hohen Zahl von Firmen, die Systeme, Komponenten und Einzelteile zur Automontage beisteuern. Der Einfluss auf die Zulieferer sei begrenzt, eine Rückverfolgung der verwendeten Rohstoffe bis zur Mine nicht zu leisten.

Die Studie hält dagegen, dass Transparenz durchaus möglich ist, „man muss sie nur wollen“, sagte GPF-Geschäftsführer Jens Martens. Für strategische Rohstoffe wie Seltene Erden, bei denen es Versorgungsrisiken für die Industrie gibt, hätten die Unternehmen schon präzise Dokumentationssysteme und wüssten genau, wo die Materialien herstammen. Solche Anstrengungen fordern Misereor, Brot für die Welt und das GPF auch im Blick auf „Menschenrechtsrisiken“ bei der Förderung.

Die deutsche Politik sehen die Autoren schon durch die UN-Menschenrechtspakte völkerrechtlich verpflichtet, die Bevölkerung in Abbauregionen vor Verletzungen ihrer Rechte durch transnationale Unternehmen zu schützen. Voraussetzung dafür sei Transparenz. Bei den laufenden Verhandlungen über eine entsprechende EU-Richtlinie aber „steht die deutsche Regierung auf der Bremse“, kritisiert Martens.

Berlin sträubt sich gegen die Verpflichtung von Firmen zur Offenlegung von Zahlungsflüssen für jedes einzelne Rohstoffprojekt, wie es die US-Regierung Ende August mit dem Dodd-Frank-Act für börsennotierte Unternehmen beschlossen hat. Für die kirchlichen Hilfswerke und GPF wäre Zahlungstransparenz aber nur ein erster Schritt. „Danach muss es darum gehen, gesetzliche Regeln für die Transparenz der Ressourcenflüsse zu schaffen“, fordert Martens.