Online-Shopping: Auch jetzt, wo die ersten Läden wieder öffnen, dürften viele Kunden diesen Weg weiter nutzen.
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BerlinDie Sonne scheint, die Temperaturen steigen. In den letzten Wochen hätten viele von uns gern ein neues leichtes Hemd, ein Sommerkleid oder vielleicht wenigstens ein frühlingshaftes T-Shirt gekauft. Im Lieblingsgeschäft oder auch im Kaufhaus war das wegen der coronabedingten Schließung nicht möglich. Der Modehandel versuchte trotzdem, das Beste aus der Situation zu machen und reagierte kreativ.

Anna Lenz, Redakteurin der Mode-Fachzeitschrift Textilwirtschaft, hat beobachtet, wie Modeunternehmen angesichts der Ladenschließungen über soziale Netzwerke mit den Kunden in Kontakt bleiben – oder, im Idealfall, sogar weiterhin Ware verkaufen. „Viele Stores und Labels sind in den sozialen Medien unglaublich kreativ. Die Angebote gehen dabei weit über das reine Verkaufen hinaus. Das reicht vom Aufruf, lokale Händler zu unterstützen, über die Unterhaltung in der Quarantäne bis hin zum Bekunden von Solidarität und Mitgefühl.“

Instagram spielt mit seinen Möglichkeiten des Live-Streamings eine große Rolle. Darüber werden zum Beispiel Heimarbeitsplätze vorgestellt, Yoga- und Kochkurse angeboten oder Modenschauen live übertragen. Natürlich geht es auch darum, das Geschäft wenigstens am Köcheln zu halten. Denn die Not ist groß. Laut einer bundesweiten Blitzumfrage der Textilwirtschaft unter Führungskräften im Modehandel schätzen fast 40 Prozent die Insolvenzgefahr ihres Unternehmens als „sehr hoch“ ein. Die Umsätze sanken im März im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent. Auch wenn jetzt die ersten Läden wieder öffnen dürfen – die strengen Auflagen machen einen „Normalbetrieb“ wohl noch auf längere Zeit undenkbar.

Und auch während der gut einmonatigen Schließungen musste das Geschäft dringend am Laufen gehalten werden. Deshalb wurden als Anreiz zum Beispiel Gutscheine angeboten, nicht selten mit einem Aufschlag. Für einen 100-Euro-Gutschein etwa darf jetzt, wo die Läden wieder öffnen, für 130 Euro eingekauft werden. Auch Auswahlpakete mit kompletten Outfits wurden verschickt, oft nach einer Facetime- oder Skype-Beratung.

Viele Modeunternehmen öffnen sich mit der Krise ganz neuen Plattformen. Das können soziale Netzwerke wie TikTok sein, aber auch neu eröffnete Online-Shops, das Verkaufen über Facetime oder Live-Shopping via Instagram. Dabei haben sich gerade die Live-Shopping-Formate für einige der Händler zu einem durchaus lukrativen Verkaufskanal entwickelt.

Mit dem Handy durch den Laden

Ildikó Kieburg-Diehl und Tarané Hoock sind Partnerinnen der Agentur se7entyn9ne in Berlin, die Fotoproduktionen im Interior-Bereich plant und ausführt. Der Agenturname verweist auf ihrer beider Geburtsdatum: 1979. Das Angebot ihres Lieblingsgeschäfts „Romans“ zum Shoppen via Facetime haben sie auf Instagram entdeckt. „Das wollten wir mal probieren. Und es hat gut funktioniert“, sagen die Geschäftspartnerinnen unisono. „Wir hätten das allerdings nicht gemacht, wenn wir nicht schon lange Kundinnen bei Elena gewesen wären“, ergänzt Hoock. „Elena kennt unseren Geschmack, unsere Größen und hat eine Vorstellung davon, was gut in unsere Garderobe passen könnte.“

Elena Schmuschkowitsch bietet in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms einen individuellen Label-Mix auf etwa 100 Quadratmetern. „So eine extreme Situation gab es natürlich noch nie“, sagt sie. „Ich musste mir etwas ausdenken. Die Beratung mit Facetime war tatsächlich viel unkomplizierter, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich bin einfach durch den Laden mit dem Handy gegangen und habe gezeigt, was es Neues gibt und was den beiden vielleicht gefallen könnte. Wir haben dann eine Auswahl besprochen, die habe ich mit einem Kurier geschickt und die beiden haben in Ruhe alles ausprobiert und schließlich auch etwas gekauft“, so die Ladeninhaberin.

Doch für diese Art des Einkaufs ist es vorteilhaft, wenn man sich kennt, sich schon mal im Laden getroffen hat und ein Vertrauensverhältnis besteht. Neben der individuellen Beratung haben einige Geschäfte auch Live-Shopping-Formate für ein größeres Publikum auf Instagram angeboten. Sie waren durchaus erfolgreich. Dafür muss man aber auf Instagram schon lange aktiv und sehr erfolgreich gewesen sein.

Kerstin Görling hat mit ihrem Frankfurter Designermodeladen Hayashi über 27000 Follower bei Instagram. Sie konnte trotz Corona und dank Instagram bis zu 200 Kundinnen gleichzeitig über Trends, Farben und die neuen Looks des Frühjahrs informieren. „Das hat Spaß gemacht und sich auch wirtschaftlich gelohnt. Normalerweise hat man ja nie so viele Kundinnen gleichzeitig im Laden. Dabei ist ein guter Samstagsumsatz herausgekommen“, berichtet sie.

Mit der Kommentarfunktion konnten die Kundinnen kommunizieren, etwa darum bitten, eine Hose noch mal genauer zu sehen, oder das Muster eines Kleides in Nahaufnahme. Bestellt wurde per Mail, WhatsApp oder Instagram. „Wir haben Päckchen verschickt oder auch selber an die Tür gehängt.“ Die Krise verlangt von Görling und ihren Mitarbeitern vollen Einsatz. Das Life-Shopping-Angebot werden sie aufrechterhalten. „Es kommt Kundinnen mit wenig Zeit entgegen und denen, die auch nach der Ladenöffnung noch vorsichtig sind.“

Posieren vor der Webcam

Die Stilberaterin Sophie B. Krüger aus Berlin hat auch schon vor Corona online beraten. „Die Kundinnen, die die Online-Stilberatung in Anspruch nehmen, sind in der Regel versiert im Umgang mit den sozialen Medien. Sie besuchen Webinare, nehmen öfter an Videokonferenzen teil und kommunizieren selbst auch mit ihren Kunden auf virtuellem Wege“, weiß sie zu berichten. Meist sind es mehrere Termine, zwischendurch werden „Hausaufgaben“ vergeben. „Bei der Beratung geht es nicht darum, dass die Kundin vor der Webcam posiert oder einzelne Kleidungsstücke hochhält. Wir entwickeln im Gespräch und anhand ihrer Fotos den individuellen Garderoben-Fahrplan für sie“, sagt Krüger.

So dramatisch die Krise gerade auch für den Modehandel ist, zwingt sie doch auch zu Kreativität. Mit Aktionen wie #supportyourlocaldealer sind sich Kunden und Händler mancherorts nähergekommen. Krisen schweißen bekanntermaßen zusammen. Und mit Live-Shopping-Formaten via Instagram oder ganz individuell mit Facetime, Skype oder WhatsApp sind Formate getestet worden, die die Einkaufsmöglichkeiten um eine Option erweitern. Gerade kleinere Geschäfte, für die ein Onlineshop keinen Sinn macht, könnten davon auch in Zukunft profitieren.