Einige werden sich erinnern. Es gab mal eine Zeit, in der man Fotos nicht mit ausgestreckten Armen machte, sondern dafür einen Fotoapparat direkt vor das Gesicht hielt. Es war die Zeit, als man mit Handys noch vorzugsweise telefonierte, Zelluloid noch nicht durch Chips ersetzt wurde und zum Fotografieren auch eine prickelnde Ungewissheit gehörte, während man Tage auf das fertige Bild wartete. Lange her.

Inzwischen sind die bunten Filmschachteln von Agfa oder Fuji aus den Regalen der meisten Großmärkte verschwunden. Canon und Nikon, die Frontlabel der Foto-Branche, strichen bereits Mitte der 2000er-Jahre die Analogkameras aus ihren Lieferprogrammen. Damals gingen hierzulande zwar noch immer 970.000 Filmfotoapparate über die Ladentheken, zugleich aber auch 7,4 Millionen Digitalkameras. Heute gibt es kaum noch einen Kamerahersteller, der zum Film hält. Selbst das schwedische Traditionshaus Hasselblad setzt seit 2013 ausschließlich auf das Digitale.

War es das also für Kleinbild- und Rollfilme oder erlebt die analoge Fotografie tatsächlich ein eben solches Revival wie die Schallplatte? Wolfgang Neubarth vom Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK ist vorsichtig. Er sieht vor allem einen wachsender Wunsch nach Qualität. „Davon würde freilich auch die analoge Fotografie profitieren.“ Ob daraus ein relevanter Markt entstehe, sei derzeit völlig offen, damit aber auch nicht auszuschließen.

Für das Unternehmen Foto-Meyer in Schöneberg ist die Filmfotografie jedenfalls noch immer Teil des Tagesgeschäfts samt eigenem Fotolabor. Mindestens 30 Filme werden täglich zum Entwickeln entgegengenommen, die Qualitätsabzüge stadtweit geschätzt. „Wir haben unsere Stammkunden. Aber es gibt auch neue, und das sind dann vor allem junge Leute“, sagt Lemmy Jarosch, selbst gelernter Fotograf. Nach seiner Erfahrung haben sich einige sogar eine Dunkelkammer eingerichtet, um zu erleben, wie das Bild langsam zum Vorschein kommt. „Die analoge Fotografie ist nicht tot, sondern Kult.“

2000 Bilder pro Sekunde

Wie die Fangemeinde des Zelluloids tatsächlich tickt, versuchte gerade die britische Firma Ilford, Weltmarktführer bei Schwarz-Weiß-Filmen und Fotopapier, per Umfrage unter ihrer Kundschaft herauszufinden. Ergebnis: Jeder dritte Analogfotograf ist jünger als 35 Jahre, fand meist erst in den vergangenen fünf Jahren zur Filmfotografie und blieb dabei, weil es Spaß macht, retro ist und entschleunigt.

Beim deutschen Fotoindustrie-Verband registriert man ebenfalls, dass gerade junge Menschen, Gefallen daran finden, auf das Ergebnis warten zu müssen. Von „Entdeckung der Langsamkeit“ ist die Rede, die sich nun sogar im digitalen App-Geschäft manifestiert. 1-Hour Photo heißt beispielsweise ein 99-Cent-Programm der US-Firma Nevercenter, das iPhones in Schwarz-Weiß-Fotoapparate verwandelt, die das geschossene Bild erst nach einstündiger „Entwicklungszeit“ sichtbar machen.

Der offenbar vorhandene Wunsch nach Verlangsamung kommt freilich nicht von ungefähr. Heute entstehen hierzulande so viele Fotos wie nie zuvor. 2000 Bilder pro Sekunde, weiß der Fotoindustrie-Verband. 2020 sollen es 4000 sein. Zugleich aber formiert sich in der dauerfeuernden Generation Fix-Foto eine kleine Splittergruppe von Digitalskeptikern und Handwerksentdeckern, die sich mit den 36 Aufnahmen eines sieben Euro teuren Kleinbildfilms zur Tempodrosselung zwingen will.

Dafür wird in der Regel das Altgerät der Eltern reaktiviert oder man versorgt sich auf dem Secondhand-Markt, wo Highend-Klassiker von gestern oft kaum mehr als Markenjeans kosten. Bei Ebay sind konkrete Verkaufszahlen zwar nicht zu bekommen, aber der Trend ist eindeutig: Im vergangenen Jahr ging der Absatz analoger Spiegelreflexkameras Quartal für Quartal um durchschnittlich 30 Prozent nach oben, und auch im Reparaturgeschäft wachsen die Aufträge. Michael Prügel, Chef des längst landesweit bekannten Kameraservice Ostkreuz, nimmt täglich schon wieder acht bis zehn analoge Spiegelreflexkameras zur Reparatur entgegen. „Vor zwei Jahren war es nur halb so viele.“

Folgerichtig deutet sich ganz vorsichtig auch im geschundenen Filmgeschäft eine Wende an. Bei Harman Technology im Süden von Manchester, wo rund 230 Mitarbeiter Ilford-Schwarz-Weiß-Filme „gießen“, lagen die Verkaufszahlen jetzt erstmals wieder über denen eines Vorjahres. Und auch bei der Konkurrenz gewinnt der Optimismus. Markus Ludwig etwa, der seit 2006 Agfa-Filme in Lizenz in Japan fertigen lässt und von Leverkusen aus weltweit vertreibt, glaubt, dass der Nachfragerückgang gestoppt ist. „Bei Schwarz-Weiß-Filmen ist der Boden erreicht“, sagt er und glaubt fest an das Analoge. „Auch in zehn Jahren wird noch mit Filmen fotografiert. Mindestens.“

Und vielleicht werden Filmkameras am Ende sogar die letzten Fotoapparate überhaupt sein. Denn im Handy-Knipser-Zeitalter erodieren die Märkte der traditionellen Kamerahersteller. Allein in Deutschland hat sich der Absatz von Fotoapparaten seit 2011 auf 4,6 Millionen Kameras fast halbiert, während sich der für Smartphones auf 24 Millionen Geräte verdreifachte. Es wird also eng für die traditionellen Fotoriesen. Canon ist übrigens gerade dabei, den schwedischen Überwachungskameraspezialisten Axis zu übernehmen. Es geht um 2,5 Milliarden Euro, aber eben auch um einen Wachstumsmarkt.