Klimaforscher Anders Levermann: Die Industrie muss wegen des Klimas umschwenken

Herr Levermann, was sagen Sie Skeptikern, die behaupten, dass es die von Menschen gemachte globale Erwärmung und den Klimawandel gar nicht gibt?
Denen antworte ich, dass wir die grundsätzliche Physik des Klimawandels verstanden haben, und zwar schon seit über 100 Jahren. Und dass man um diese grundsätzliche Physik nicht herumkommt. Angesichts dessen kann man die Phänomene globale Erwärmung und Klimawandel nicht verneinen.

Wie sieht Ihr physikalischer Konter konkret aus?
Der geht so: Verdoppelt man, als Beispiel, die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre, ergibt sich durch den direkt dadurch hervorgerufenen Strahlungseffekt eine globale Erwärmung von einem Grad. Durch diese Erwärmung gelangt zusätzlicher Wasserdampf in die Atmosphäre. Dieser Wasserdampf ist ebenfalls ein Treibhausgas, das wiederum eine zusätzliche Erwärmung von zwei Grad bewirkt. Insgesamt sind wir dann bei drei Grad Erwärmung.

Die Wolken bringen eine gewisse Unsicherheit, aber das ändert am Prinzip nichts. Wir befinden uns seit etwa 10.000 Jahren in einer Warmzeit, ohne dass die Menschen etwas dafür könnten. Seit 150 Jahren spielen die Menschen nun jedoch mit, erhöhen das Kohlendioxid, also das CO2, in dieser Warmzeit, so dass wir in eine Heißzeit changieren.

Innerhalb welchen Zeitraums vollzieht sich normalerweise eine Verdoppelung des Kohlendioxids?
Eigentlich gar nicht. Das CO2 war über 10.000 Jahre praktisch stabil, aber seit 150 Jahren verbrennen die Menschen Kohle, Öl und Gas und geben damit Treibhausgase in die Atmosphäre. Daran gibt es keinerlei Zweifel, das ist felsenfest – die Physik ist seit 100 Jahren klar.

Wir beziffern die CO2-Konzentration mit Teilen pro Million Teilchen in der Luft, den ppm. Die Menschheit hat die CO2-Konzentration in den letzten 100 Jahren von 280 ppm auf jetzt 400 ppm erhöht. Das ist noch keine Verdoppelung. Bei der UN-Klimakonferenz in Paris soll ja nun eben gerade versucht werden, diese Verdoppelung tunlichst zu vermeiden – damit wir nicht in die Drei-Grad-Erwärmungsfalle geraten.

Das Kyoto-Protokoll von 2005 schreibt als einzige Übereinkunft die Minderung der wichtigsten Treibhausgasemissionen verbindlich vor. In Paris, wo ab 30. November verhandelt wird, soll eine neue Klimaschutz-Vereinbarung zustande kommen. Wie könnte die aussehen?
Das für mich wichtigste Signal, das aus Paris kommen könnte, ist die Botschaft von der Gesellschaft an die Wirtschaft: »Wir gehen aus der Kohle, dem Öl, dem Erdgas raus. Wir dekarbonisieren unser Energiesystem.« Wie schnell das passieren kann, ist eine Frage der Verhandlung. Wenn aber ein Industriezweig Teil der Zukunft sein will, dann muss er auf erneuerbare Energien umschwenken.

Kann das gelingen?
Die größten Emittenten sind derzeit China und die USA. Die größten Pro-Kopf-Emittenten sind die USA, Kanada und Australien. Wenn wir da genauer hinschauen, sehen wir: US-Präsident Obama hat klar gesagt, er will den Klimaschutz zur Priorität seiner restlichen Amtszeit machen. China hat gesagt, sie wollen im übernächsten Jahr einen Emissionshandel wie in Europa einführen und ihre Emissionen klar verringern.

Kanada und Australien wiederum haben gerade ihre Regierungen gewechselt. Kanada hat nach der Abwahl des Premierministers Stephen Harper mit Justin Trudeau einen Regierungschef, der sich deutlich zum Klimaschutz bekennt. Und in Australien ist die Regierung von Tony Abbott abgewählt worden. Abbott ignorierte den Klimawandel eher, als ihn ernst zu nehmen.

Zudem hat Papst Franziskus in seiner ersten Enzyklika gesagt, dass die Menschheit etwas gegen den Klimawandel tun müsse. Ich blicke tatsächlich optimistisch nach Paris.

Seit dem Klimagipfel im mexikanischen Cancún im Dezember 2010 ist die Zwei-Grad-Grenze das offizielle Ziel der globalen Klimaschutzbemühungen. Wie stehen Sie zu diesem Limit?
Es ist eine Entscheidung der Staatengemeinschaft, aber: Ein Grad haben wir praktisch erreicht, und drei Grad bringt heftige Folgen mit sich: Weltweites Korallensterben, starker Meeresspiegelanstieg, die Zunahme von Wetterextremen, um nur einige zu nennen.

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