Es dauerte bis in den Abend hinein, bis sich die entsandten Politiker aller EU-Staaten auf ein gemeinsames Ziel für den Kohlendioxidausstoß von Neuwagen geeinigt hatten. Und wenn es stimmt, dass die neuen Grenzwerte für die Autobauer eine „enorme Herausforderung“ sind, wie der deutsche Verband der Automobilindustrie am Dienstag erklärte, dann dürfte manch ein Autoboss danach eine unruhige Nacht verbracht haben.

Lange hatten die Vertreter des Europaparlaments, der Mitgliedsstaaten und der EU-Kommission miteinander um den Klimaschutz im Straßenverkehr gefeilscht. Insbesondere Deutschland versuchte bis zum Schluss, mit immer neuen Änderungsvorschlägen seine industriepolitischen Interessen und die Interessen der deutschen Autobauer zu verteidigen. Doch nun steht eine Einigung, die vorsieht, dass Neuwagen im Jahr 2020 pro gefahrenem Kilometer im Durchschnitt nur noch 95 Gramm Kohlendioxid ausstoßen dürfen. Zudem soll es nach 2020 neue Ziele geben, die von der Politik noch festgelegt werden müssen.

Bis zu 30 Prozent weniger

Die Neuwagen von Volkswagen, BMW und Daimler stoßen aktuell im Schnitt noch zwischen 137 und 154 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer aus. Die Hersteller müssen den Verbrauch ihrer Neuwagen also um 30 Prozent oder mehr senken. Allerdings hilft ihnen die Politik dabei mit Berechnungsmethoden, die das Emissionsziel verwässern. Für jedes Auto, das weniger als 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt, können die Hersteller bei der Berechnung des Flottenverbrauchs gleich mehrere klimafreundliche Wagen ansetzen.

Diese Supercredits gab es auch bislang schon. Derzeit können die Hersteller für jedes sparsame Auto 3,5 klimafreundliche Wagen anrechnen lassen. Bis 2015 sinkt dieser Bonusfaktor auf 1,5 und wird dann abgeschafft. Wenn die neue 95-Gramm-Regel im Jahr 2020 in Kraft tritt, sollen die Hersteller jedoch wieder für jedes besonders schadstoffarme Auto zwei in die Berechnung einbringen können. Dieser Bonus läuft dann erst 2023 aus. Das heißt, dass das 95-Gramm-Ziel faktisch drei Jahre später erreicht wird.

Mogelpackung?

Dadurch, dass emissionsarme Autos bei der Berechnung des Flottenverbrauchs besonders ins Gewicht fallen, soll den Herstellern laut offizieller Darstellung ein besonderer Anreiz gegeben werden, sparsame Autos zu entwickeln. Umweltschützer halten das aber für eine Mogelpackung, die es den Herstellern vor allem erlaube, länger Autos mit großem Spritverbrauch zu verkaufen. „Subventionierung deutscher Spritschlucker“ lautete etwa der Kommentar von Greenpeace. Die Chefin der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, beklagte: „Merkel und Co sehen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit noch immer als Widerspruch. Sie folgen damit der Lobbyarbeit der Automobil-Hersteller.“

Experten sind sich uneins

Die Meinungen von Automobilexperten zum Thema gehen indes auseinander. „Das ist gut zu machen“, sagte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen das neue Emissionsziel. Selbst ein Porsche Panamera lasse sich heute mit einem Plugin-Hybrid-Antrieb auf unter 50 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer drücken. Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach sagte dagegen: „95 Gramm sind auch mit den Supercredits richtig ambitioniert. Da muss man langsam vorsichtig werden, damit man den Industriestandort nicht gefährdet.“ Derzeit sei das Gleichgewicht zwischen Umweltschutz und Industriepolitik aber noch gewahrt. Die Hersteller müssten nun aber alternative Antriebe wie Plugin-Hybride, Elektroantriebe oder Erdgas-Motoren einsetzen. Die Optimierung der Verbrennungsmotoren stoße an Grenzen. Er erwartet, dass Premium-Fahrzeuge wegen höherer Entwicklungskosten teurer werden.

Über das 95-Gramm-Ziel hinaus einigten sich die EU-Politiker darauf, so schnell wie möglich praxisnahe Testverfahren zur Bestimmung des Spritverbrauchs der Autos einzuführen. Die Fahrzeughersteller hatten in den vergangenen Jahren ausgeklügelte Verfahren entwickelt, um den Spritverbrauch in der vorgegebenen Testsituation so gering wie möglich zu halten. Die Einigung der EU-Politiker über die neuen Regeln steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Botschafter der 27-EU-Staaten am Donnerstag. Auch das Europaparlament und die EU-Minister müssen noch grünes Licht geben.