Der neue Weltklima-Bericht sei ein Alarmsignal an die internationale Politik, sagt der Noch-Umweltminister Peter Altmaier (CDU), und auch Europa und Deutschland müssen in ihren Anstrengungen für mehr Klimaschutz „noch eine Schippe drauflegen“. Auch er selbst habe nicht alle seine politischen Ziele für mehr Umwelt- und Klimaschutz umsetzen können, räumt Altmaier am Freitag in Berlin ein, als er die politischen Empfehlungen des Weltklimarates der Vereinten Nationen (IPCC) vorstellt. Nun müsse die internationale Gemeinschaft handeln, um den Klimawandel zu stoppen. Ihn stimme optimistisch, dass die Regierungen der USA und China neue Anstregungen für mehr Klimaschutz versprachen – hatten die beiden Weltmächte doch bisher ein neues Abkommen zur weltweiten Reduktion von Klimagasen verhindert.

In dem Report bestätigen 800 Wissenschaftler aus aller Welt, noch dazu unter Rückgriff auf Tausende Studien weiterer Kollegen, dass die Erderwärmung zwar derzeit langsamer, aber doch eindeutig foranschreitet. Man müsse mit einem Anstieg des Meeresspiegels um 26 bis 82 Zentimeter durch die Schmelze der Polkappen rechnen – deutlich mehr als bislang erwartet. Die Konzentration der klimaschädlichen Treibhausgase in der Atmosphäre hat den Fachleuten zufolge mittlerweile den höchsten Stand seit mindestens 800.000 Jahren erreicht. In der nördlichen Halbkugel sei die Periode zwischen 1983 und 2012 wahrscheinlich die wärmste 30-Jahresperiode der vergangenen 1.400 Jahre gewesen.

Klimaschutz in den Koalitionsvertrag

Die Forscher seien sich zu mindestens 95 Prozent sicher, dass der Mensch durch den industriellen Ausstieg klimaschädlicher Gase einen großen Anteil daran trägt, betonte Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes. Die Welt müsse mit weiteren Hitzewellen, Dürren und Fluten als Folge des Klimawandels rechnen. Wenn die Emissionen nicht zurückgingen, werde die Zwei-Grad-Grenze bei der Erderwärmung bereits Mitte dieses Jahrhunderts überschritten. Nur unterhalb dieser Grenzen gelten die Klimafolgen als relativ gut beherrschbar.

Altmaier versprach, Klimaschutz werde eine wichtige Rolle im neuen Koalitionsvertrag einnehmen. Zudem müsse sich die Bundesregierung auf EU-Ebene für eine Reform des Emissionshandels stark machen, durch den der CO2-Ausstoß von Wirtschaft und Verkehr belastet und Klimaschutz belohnt wird. Das Hauptziel einer Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes müsse sein, dass auf dem Strommarkt nicht wie bisher klimaschädliche Kohlemeiler die Ökostrom-Quellen ergänzen, sondern vor allem moderne und effiziente Gaskraftwerke.

Auch die führende Rückversicherungsgesellschaft, die Munich-Re, die seit Jahren vor wachsenden volkswirtschaftlichen Schäden durch Klimawandel und das resultierende Extremwetter warnt, sieht sich durch den IPCC-Report bestätigt. „Das Risiko ändert sich, die Trends sind klar“, sagte Eberhard Faust, Munich-Re-Forschungsleiter für Klimarisiken, dieser Zeitung.

Zuletzt musste sich der Münchner Versicherungsriese Munich Re wegen seiner Warnungen vor den Folgen des Klimawandels einige Kritik gefallen lassen. Katastrophenbehauptungen seien nützlich für das Versicherungsgeschäft und mit dem Überverkaufen der Gefahr müsse endlich Schluss sein, hatte der renommierte Klimaforscher Hans von Storch gerade gemahnt.

Klimawandeln noch nicht verstanden

Die jetzige Neuauflage des Weltklimaberichts gebe Munich-Re aber nun Recht, dass sich Wettergefahren langfristig ändern, findet der Versicherer selbst. Deutlich mache der Bericht vor allem, dass die Wahrscheinlichkeit für Extremwetter wie Starkniederschlag oder Hitze regional zugenommen hat und langfristig etwa auch bei Wirbelstürmen weiter steigen wird. Der Bericht macht stärker regionalisierte Aussagen, betont Faust, selbst Mitautor bei anderen Teilen des neuen Klimaberichts. Zum Beispiel nahmen Dürren im Mittelmeerraum zu. Die Tendenzen werden sich fortsetzen.

„Es ist ein Märchen, dass es keine Zunahmen gibt“, sagt der Klimaexperte mit Blick auf Häufigkeit und Schwere solcher Ereignisse. Zugleich räumt er ein, dass die Behauptung vermessen wäre, die Wissenschaft habe den Klimawandel bereits vollständig verstanden.

Versicherer lassen die Beobachtungen in ihre Preise und Risikomodelle einfließen. Kurzfristige und drastische Änderungen erwartet Faust nicht, weil der neue Bericht bisher schon unterstellte Trends bestätigt. Dass die Prognosen allerdings in mancher Hinsicht verschärft wurden, betreffe vor allem ärmere Entwicklungsländer. Dort gebe es bislang kaum Versicherungssysteme, so Faust. Die Assekuranz werde nun ihre Versuche verstärken, mit internationalen Organisationen oder Regierungen zu Lösungen zu kommen. In einem Pilotmodell werden bereits Prämien subventioniert, um Policen für arme Bevölkerungsschichten zu verbilligen, währed Versicherer ihre Renditeansprüche senken. Eine Notwendigkeit, aus einzelnen Versicherungen oder Regionen wegen eines zu großen Klimarisikos auszusteigen, sehen die Münchner bislang nicht. Es sei aber klar, dass mehr Prävention etwa in Form verschärfter Baunormen zu Rabatten auf eine Police führen könne.