Braunkohlekraftwerk in der Lausitz.
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CottbusDer Kohleausstieg  soll ungefähr im Jahr 2038 kommen, doch in der Lausitz ist er bereits da. Jedenfalls ein wenig: Ein Tagebau wurde geschlossen, Teile eines Kraftwerks gingen vom Netz.
Zum 1. September ließ das Verwaltungsgericht Cottbus den Tagebau Jänschwalde (Spree-Neiße) vorübergehend stilllegen, weil der Betreiber Leag nicht rechtzeitig eine Umweltverträglichkeitsprüfung für den Weiterbetrieb vorgelegt hatte.  700 Kohlekumpel arbeiten seitdem in anderen Gruben. Zwar durften sie am Dienstag zum Schichtbeginn um 6 Uhr an ihren bisherigen Arbeitsplatz zurück. Doch die Arbeiten sind wohl auf zwei Monate beschränkt.

„Das Ganze erfolgt auf Anordnung des Landesamtes für Bergbau“, sagt Leag-Sprecherin Kathi Gerstner der Berliner Zeitung. Es wurde angeordnet, um den Tagebau vor nachströmendem Grundwasser zu schützen. Die Bagger sollen einen 50 Meter breiten Streifen Abraum und Kohle wegbaggern. Ob der Betrieb regulär wieder aufgenommen wird, ist noch unklar. Beim Kraftwerk nebenan wurden zwei der sechs Blöcke abgeschaltet. „Dadurch fallen 600 von 8000 Stellen weg“, sagt die Leag-Sprecherin. „Ohne dass es die von der Politik versprochenen Ersatzarbeitsplätze gibt.“

Die Ängste der Handwerker

Die Blöcke sind nun in „Sicherheitsbereitschaft“ und können – wenn nötig – innerhalb von zehn Tagen wieder hochgefahren werden.   Entlassen wurde niemand. Die Mitarbeiter wurden früher in den Ruhestand geschickt, ihre Stellen nicht neu besetzt. Die Zahl der Azubis wurde gesenkt. „Wir müssen unsere Personalplanung den Plänen der Politik anpassen“, so Gerstner.

Das ist eine Entwicklung, die viele in der Region fürchten: dass gut bezahlte Industriearbeitsplätze verloren gehen – ohne Ersatz. Es geht nicht nur um 8000 Leute, die im Bergbau arbeiten, sondern auch um doppelt so viele in Zulieferfirmen.

„Wir wissen einfach nicht, was kommt“, sagt zum Beispiel Norman Kabelitz (33). „Die Verunsicherung bei den Leuten hier ist enorm.“ Der Kfz-Mechatroniker ist Meister und angestellt im Autohaus Cottbus, das als größter Anbieter von Nutzfahrzeugen in der Region vom Transporter bis zum Lastwagen alles verkauft. „Bei uns kaufen die Handwerker ein und die kleinen Zulieferer für die Leag. Etwa ein Drittel unseres Umsatzes hängt an der Kohle.“ Da die ersten Jobs in den Gruben wegfallen, haben einige kleine Firmen bereits Personal abgebaut.

Tourismus keine Alternative

Die Handwerker befürchten, dass sie weniger Aufträge bekommen und im schlimmsten Fall pleite gehen. Oft heißt es, dass das Handwerk doch profitieren kann, wenn Gruben rekultiviert und Industrieanlagen abgerissen werden. „Aber nur für eine gewisse Zeit“, sagt Kabelitz. „Natürlich geht es dem Handwerk viel besser, wenn die Lausitz wirtschaftlich gut funktioniert. Wenn die Leute Häuser bauen, wenn sie keine Angst um ihre Jobs haben, sondern in die Zukunft investieren.“

Als Alternative wird oft der Tourismus an den gefluteten Tagebauseen ins Spiel gebracht. „Das sind Billiglohnjobs – wenig Geld und viel Arbeit“, sagt Kabelitz. „Im Tourismus macht der Hotelier das Geld, die Angestellten bekommen nur einen geringen Lohn. Keiner verdient so viel wie in der Kohle. Da wechselt doch keiner in eine Kneipe.“

Das Vertrauen schwindet

Derzeit ist der Ist-Zustand für die Handwerker in der Lausitz noch sehr gut. „Das Handwerk hat zum überwiegenden Teil gut zu tun“, sagt Kurt Deutscher, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Cottbus. „Es gibt mehr Aufträge, als man bewältigen kann.“ Einige Betriebe finden nun nicht mehr genügend neue Fachleute, um die  Aufträge der Kunden bewältigen zu können. Andere haben allerdings  Probleme – weil Kunden aus der Großindustrie wegfallen.

So brach der Absatz von Windrädern ein. Beim Hersteller Vestas in Lauchhammer wurden 500 Stellen gestrichen – jeder zweite Arbeitsplatz. Die Stilllegung des Tagebaus Jänschwalde kam dazu. Die Zulieferer reagieren: „In unserem Bereich gab es 3736 Anträge auf Kurzarbeitergeld im Handwerk“, sagte Deutscher. „Das sind 200 Prozent mehr als im Vorjahr.“ Das hat Folgen: Wer in Kurzarbeit ist, gibt weniger Geld aus. Das schmälert die Kaufkraft, Handwerksbetrieben werden weniger Aufträge erteilt. „In der Lausitz schwindet das Vertrauen in das, was die Politik angekündigt hat“, sagt Deutscher.

Der Kohlekompromiss wurde im Januar beschlossen, aber das Gesetz sei noch nicht da. Niemand wisse, was mit den versprochenen Förder-Milliarden wird und wie der Strukturwandel ganz konkret vor Ort umgesetzt werden soll. „Zum Beispiel können unsere Handwerksbetriebe die bisher vorhandenen Förderinstrumente gar nicht in Anspruch nehmen. Da müsste die Politik schnell die Gesetze ändern“, sagt Kurt Deutscher.