Die große Kryptokrise: Was Sie über den Mythos Bitcoin wissen müssen

Der Mythos, der den Bitcoin umgibt, ist kein Zufall, sondern Strategie. Seit dem Kursabsturz herrscht Panik im Kryptosektor. Zum Verständnis hilft dieses Gedankenexperiment.

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Kryptobörse FTX AFP/Stefani Reynolds

Bitcoin ist ein Mythos des Computerzeitalters. Doch Bitcoin könnte womöglich wie die niederländische Tulpenmanie im 17. Jahrhundert, die Tulpenzwiebeln zeitweise wertvoller machte als Häuser, in die Geschichte eingehen. Denn im Schatten des Ukrainekrieges und der Zinsralley der Zentralbanken herrscht im Tech- und Kryptosektor nackte Panik. Der Bitcoin rauscht in den Keller. Die Kryptobörse FTX, die (ähnlich einer Bank) Kredite mit dem Bitcoin als Sicherheit vergab, ist bankrott.

Es gibt aber keine Zentralbank, die Bitcoin-Kurse stützen könnte. FTX hat nicht einmal ein Einlagensicherungssystem wie Banken in Deutschland. Die gute Nachricht ist jedoch, dass Krypto-Werte wahrscheinlich (noch) wenig mit dem traditionellen Finanzsystem verknüpft sind und daher (vorerst) keine Kernschmelze des Finanzsystems wie 2008 droht.

Vor einiger Zeit wussten noch die wenigsten Menschen etwas mit der Krypto-Technologie anzufangen. Vor einem Jahr hörte ich jedoch vor einer Hamburger Trinkhalle ein Gespräch von ein paar jungen Männern in Jogginghose über Bitcoin. Sie versuchten sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass Bitcoin sie reich machen könne und vor Inflation schützen würde. Bekanntlich kam es anders.

Es scheint sich die alte Börsenregel zu bewahrheiten: „Wenn dir deine Oma einen Investment-Tipp gibt, ist es Zeit auszusteigen.“ Aber was ist Krypto-Technologie überhaupt? Steht dahinter eine fundamentale Innovation wie das Internet, die sich trotz aller Pleiten, Pech und Pannen langfristig durchsetzen wird?

Wenn eine Finanzblase platzt, läuft es immer wieder ähnlich: In einem Boom, wenn das Geld billig ist, werden Investoren immer risikofreudiger und spekulieren getrieben durch die allgemeine Euphorie auf hohe Kursgewinne. Frei nach dem Motto: „Fake it until you make it!“ Ob das Geschäftsmodell eines Unternehmens erfolgsversprechend oder eine Technologie ausgereift ist, ist nicht so wichtig, solange nur Investoren erwarten, dass die anderen Investoren weiter nachkaufen. Man spekuliert also nicht auf Unternehmen, sondern Erwartungen. Wird das billige Geld aber entzogen, das die Aktienkurse trieb, flüchten Investoren in die Sicherheit.

Manchmal werden in einer Panik auch gesunde Unternehmen zertrampelt

Um in der Panik das Verhalten der anderen Investoren einschätzen zu können und damit, ob das eigene Investment im Abwärtssog mitgerissen wird, braucht es eine Börsen-Story, an die alle glauben: Waren es zur Jahrtausendwende die Telekommunikationsunternehmen, in der Weltfinanzkrise 2008 Banken und Immobilien, sind es jetzt Tech- und Kryptowerte, die nicht zu Unrecht im Verdacht stehen, dass sie mit viel „stupid money“ (dummem Geld) zugeschüttet wurden, obwohl oft unklar ist, wo die Gewinne zukünftig herkommen sollen.

Manchmal werden in einer Panik aber auch gesunde Unternehmen zertrampelt. Und große Namen gehen zuweilen unter: Wer erinnert sich noch an den Handyhersteller Nokia? Gleichwohl ist das Smartphone heute noch kaum aus unserem Leben wegzudenken und das Internet ist kein „Neuland“ (Angela Merkel) mehr. Es lohnt sich daher, Bitcoin – den großen Mythos unserer Finanzepoche - näher zu betrachten, um Dichtung von Wahrheit zu unterscheiden.

Der Bitcoin erblickte vor 14 Jahren auf den Trümmern der Finanzkrise das Licht der Welt. Der Erfinder (oder eine Gruppe von Personen) unter dem Kunstnahmen Satoshi Nakamoto veröffentlichte anonym das Bitcoin Whitepaper, das technisch elegant ein von Banken unabhängiges und weitgehend fälschungssicheres Transaktionssystem beschrieb.

Ein Bitcoin
Ein BitcoinAFP/Nicolas Economou

Der Mythos, der den Bitcoin umgibt, ist dabei kein Zufall, sondern Strategie. So wird behauptet, der Bitcoin sei wertstabil, da die „Geldmenge“ fixiert sei und durch diese Knappheit und den aufwendigen Prozess der Schöpfung des Computer-Assets somit vor Inflation schütze. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Wer vor einem Jahr Bitcoin kaufte, hat aktuell etwa 70 Prozent Verlust gemacht. Dagegen ist der Euro trotz Rekordinflation ein sicherer Hafen. Auch wenn einige frühe Bitcoin-Investoren phänomenale Gewinne erzielen konnten, machten laut einer aktuellen Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich etwa drei Viertel aller Bitcoin-Investoren Verluste.

Daher braucht der Bitcoin eine Story, so wie bei einem trivialen Kunstwerk, das ein paar wilde Pinselstriche zu einem begehrten Sammlerobjekt machen. Die geldpolitische Philosophie hinter dem Bitcoin ist jedoch eine Pseudo-Theorie von gestern, die eher von der Unkenntnis über unser Geldsystem profitiert. In modernen Geldsystemen entscheidet die Nachfrage von privaten Haushalten und Unternehmen nach Krediten über die Geldmenge. Die Zentralbank kann die Zinsen beeinflussen, nicht aber unmittelbar die Geldmenge. Die Experimente zur Kontrolle der Geldmenge zu Beginn der 1980er-Jahre, als in den USA Ronald Reagan und in Großbritannien Margaret Thatcher die Regierung führten, sind gescheitert. Auch die Blockchain-Technologie des Bitcoin ist zwar spannend, aber im Vergleich zu Banken oder der Finanztechnologie von Visa wenig effizient und der Nutzen unklar.

Nach der Finanzkrise von 2008 erreichte der Krypto-Hype den Finanzmarkt und verkaufte sich als Alternative zu den Banken, die per Knopfdruck auf ihren Computern neues Geld (aus dem Nichts) schaffen, das nicht durch Gold oder andere Vermögenswerte gedeckt ist (sogenanntes FIAT-Geld).

Wer garantiert, dass ich nicht einfach in meinem Keller Geld drucke?

Eine zentrale Herausforderung jedes Geldsystems ist Vertrauen. Wer kontrolliert, dass Geld – ob Scheine, Münzen oder Zahlen auf Computern – hinreichend knapp ist beziehungsweise eine „Arbeitsleistung“ dahintersteht? Denn ein Geldschein selbst ist bis auf das Stück Papier nichts wert. Wer garantiert, dass ich nicht einfach in meinem Keller Geld drucke?

In einem modernen Geldsystem haben Zentralbanken das überwiegende Notenmonopol. Eine Zentralbank kann in eigener Währung nie bankrott gehen. Der Staat kann uns zudem zwingen, in der Währung unsere Steuern zu bezahlen. Weil der Staat festgelegt, was die Währung ist, und diese (etwa über Staatsausgaben) in Umlauf bringt, akzeptieren auch Bäcker oder Handwerker in Deutschland oder Frankreich den Euro. Geld ist also eine Verabredung, die den Staat benötigt. Dieses Vertrauen kann natürlich einbrechen wie in einer Hyperinflation, wenn plötzlich wenig verderbliche Güter wie Zigaretten, Schokolade oder Fremdwährungen zum Schattengeld werden.

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BLZ/Paulus Ponizak
Zum Autor
Fabio De Masi war Mitglied des Deutschen Bundestages für die Linke sowie des Europäischen Parlaments und machte sich dort bei der Aufklärung von Finanzskandalen – etwa um den Zahlungsdienstleister Wirecard einen Namen. Er ist Kolumnist bei der Berliner Zeitung.

Vom Zentralbankgeld zu unterscheiden ist das Bankengeld. Die Banken schaffen auf ihren Computern per Knopfdruck Zahlen, etwa wenn sie uns einen Kredit einräumen. In der Euro-Zone lauten diese Zahlen auf Euro. Bankengeld ist aber kein Geld der Zentralbanken und auch nicht 100 Prozent sicher vor einer Pleite. Die Zentralbank kann jedoch versuchen, mittelbar (zum Beispiel über den Zins) darauf Einfluss zu nehmen, ob mehr oder weniger Bankengeld geschaffen wird. Sie gibt den Banken, die wiederum Konten bei der Zentralbank haben, somit das Privileg, Geld aus dem Nichts zu schaffen, damit sie nicht selbst entscheiden muss, wer einen Kredit bekommt. Die Banken wickeln untereinander Zahlungen ab und erledigen die Buchhaltung. Überweise ich meinem Handwerker, der ein Konto bei einer anderen Bank hat, 100 Euro, steigt das Guthaben seiner Bank bei der Europäischen Zentralbank (EZB), und das Guthaben meiner Bank bei der EZB sinkt.

Das Geld auf Ihrem Konto ist nur eine Zahl

Was ist nun die Innovation von Bitcoin? Um dies zu verstehen, hilft ein Gedankenexperiment:

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einer Parkbank und jemand (nennen wir diese Person Roman) gibt Ihnen einen Apfel im Austausch für Ihren Hut. Sie können diesen Apfel anfassen und essen. Da es nur eine begrenzte Anzahl von Äpfeln gibt, die an Bäumen wachsen, brauchen Sie keine dritte Person als neutralen Schiedsrichter, um zu bestätigen, dass der Apfel echt ist. Das Gleiche gilt für Ihren Hut, der sich anfassen lässt.

Eine Bitcoin-Farm
Eine Bitcoin-Farmimago/Alexander Ryumin

Stellen Sie sich nun vor, Roman gibt Ihnen keinen Apfel, sondern Bargeld (Zentralbankgeld). Sie können den Geldschein nun gegen das Licht halten und prüfen, ob er echt oder gefälscht ist. Roman hat Ihnen das Geld ausgehändigt. Die Zentralbank druckt nur eine bestimmte Menge Bargeld, und wenn Sie den Geldschein in ein Geschäft bringen, kann sich der Verkäufer anhand des Wasserzeichens und anderer Merkmale davon überzeugen, dass es sich um ein Unikat handelt. Sie werden nicht in Ihrem Keller sitzen und Geldscheine einfach drucken. Jede offizielle Banknote mit einer Seriennummer kann also nur einmal ausgegeben werden.

Stellen Sie sich nun vor, dass Roman weder einen Apfel noch einen Geldschein aushändigt, sondern eine elektronische Überweisung für Ihren Hut tätigt, da Sie Ihr Kartenlesegerät mitgebracht haben. Das Problem ist jedoch, dass das Geld auf ihrem Konto nur eine digitale Zahl ist. Es ist einfach, eine Taste auf einem Computer zu drücken und weitere Zahlen zu erzeugen. Stellen Sie sich nun vor, Roman könnte diese Zahlen einfach selbst eingeben, unabhängig von einer Bank. Wenn Roman und viele andere Menschen zu viele Zahlen erzeugen und versuchen würden, all diese Zahlen auszugeben, würde möglicherweise die Wirtschaft überhitzen und Inflation einsetzen. Um dieses Problem zu vermeiden, gibt es Banken, die untereinander die Buchhaltung machen und wiederum von der Zentralbank überwacht werden.

Der einfachste Weg, sich Bitcoin und die Blockchain vorzustellen

Wenn die Zahlung abgeschlossen ist, sehen Sie einen Hinweis auf dem Bildschirm. Roman hat seine PIN-Nummer in das Kartenlesegerät eingegeben und damit bestätigt, dass die Überweisung rechtmäßig ist, und der Zahlungsdienstleister hat von Romans Bank ein elektronisches Signal erhalten, dass sein Konto ausreichend gedeckt ist. Wenn Roman nur noch 20 Euro auf seinem Konto hat, besteht keine Gefahr, dass er diese 20 Euro fünfmal ausgibt. Denn Banken führen die elektronischen Zahlungsaufträge gemäß der Reihenfolge aus, in der sie bei der Bank eingehen. Wenn Roman zuvor die 20 Euro bereits an jemand anderes überwiesen hat, wird die Transaktion nicht durchgeführt.

Der einfachste Weg, sich nun Bitcoin und die Blockchain vorzustellen, ist, sich ein Buchhaltungssystem vorzustellen, in dem alle Transaktionen, die an diesem Tag auf der ganzen Welt mit Bitcoin getätigt werden, erfasst sind. Anstelle von Bankkonten bei der Zentralbank und den Banken mit ihren Computern gibt es hier ein großes Buchhaltungsbuch (die Blockchain), das für jeden auf dem Computer sichtbar ist. Wann immer eine Transaktion stattfindet, ändern sich die Einträge in der Datenbank beziehungsweise Blockchain auf allen Computern.


Dieser Text ist der Auftakt eines zweiteiligen Essay über die Kryptokrise und den Mythos Bitcoin. Der zweite Teil der erscheint am 25. November.