Kolumnist André Mielke.
Foto: Berliner Zeitung

BerlinMeine Frau und ich haben ein Ritual. Am späten Nachmittag ruft sie mich, den Heimarbeiter, aus dem Büro an: Sie schreibe nur noch schnell eine Mail und käme dann nach Hause, sofort. Es klappt nie. Der Weg dauert nur eine Viertelstunde. Also sage ich, wenn die Workaholikerin „gleich“ loszuradeln verspricht: Schön, in zwei Stunden bist du hier. Sie lacht: Ach wo, in drei. Manchmal schafft sie es in 90 Minuten.

90 mehr oder weniger Prominente, überwiegend Schauspieler und Musiker, fordern in einem Brief an die Bundesregierung: „Deutschland muss bis 2025 klimaneutral werden.“ „Voll und ganz“ schlössen sie sich damit der Extinction Rebellion an, mithin jenen Endzeitalarmisten, die gerade versuchen, Berlins Straßen effektiver zu blockieren, als alle Baustellenplanung es vermag.

Ab 2025 dürften demnach für Strom, Stahl, Glas, Zement, Verkehr und Wärme weder Kohle noch Öl oder Gas verbrannt werden. Bevor jemand „Unmöglich!“ bläkt: Doch, dieses Land lässt sich mit Sonne und Wind unterhalten. Man leistet sich dann eben nur noch so viel Wirtschaft, wie sich rund um die Uhr mit Sonne und Wind betreiben lässt. Das geht, auch binnen gut fünf Jahren. Die Ostbetriebe wurden ja noch schneller abgewickelt.

Kleiner Wermutstropfen: Gegen eine derartige Express-Klimaneutralisierung war die Treuhand Stehblues mit Anfassen. Nicht allein die hiesige Kohlendioxidbilanz, auch soziale Komfortfeatures näherten sich dadurch dem Standard der Spätrenaissance. Immerhin, der Zuwanderungsdruck wäre weg.

Warum avisiert meine Frau mir pünktliche Feierabende, die sie kaum je einhalten kann? Nun, ich soll wohl sehen, dass sie wenigstens erwägt, sich nicht länger ausbeuten zu lassen. Und wieso signieren Schauspieler einen Fünfjahresplan, der weltfremder ist als das SED-Zentralkomitee. Weil sie gewohnt sind, auch aberwitzigste Drehbücher zu verkörpern, voll und ganz? Weil sie Physik beim Abitur abgewählt und das Ökonomische ihren Agenten überlassen haben? Weil sie hoffen, dem Jüngsten Gericht durch Selbstentleibung zuvorzukommen?

Wirkt Aktivismus sexy?

Oder ist es einfach, weil Aktivismus sexy wirkt? Es gab mal Stimmen, Deutschland könne jährlich eine Million Migranten aufnehmen. Die derlei sagen, so offenbarte mir damals ein Politiker, denen sei schon klar, dass das ins Chaos führe. Aber die wollten halt ihren Markenkern etablieren. Ähnlich ist es mit der Wohnungskonzernenteignung. Sagt man deren Anhängern, das Vorhaben mindere für viel Geld kein bisschen Mangel, dann kommt zurück: Kann sein. Man muss Druck machen, damit sich überhaupt was bewegt.

Kann auch sein. Ohne präpotente Powerposition hört dir niemand zu. Leider gibt es Menschen, die keinen Nerv für Kommunikationstaktik haben. Die hören zu, nehmen ernst und sehen Folgen. Das macht sie so verrückt wie die Gegenseite redet. Eine wechselseitige Erregungsstimulation erscheint mir in Zukunftsdebatten jedoch weniger sachdienlich als beim Geschlechtsverkehr. Deshalb habe ich, falls hinterm Ziel 2025 nicht Wahn, sondern propagandistischer Unernst stecken sollte, für künftige Künstlerbrandbriefe einen Vorschlag. Man möge den Termin mit einem Zwinker-Smiley markieren und ins Kleingedruckte schreiben: „Zahlen sind Schall und Rauch. Für unsere Darbietungen gilt heute wie in fünf Jahren: Der Saal ist beheizt.“