Schreib doch was über die Lage der berufstätigen Mutter 2030, schlug die Kollegin vor. Während ich ihre Nachricht las, schaukelte ich meine fiebernde, röchelnde Tochter im Arm. Gute Idee, schrieb ich zurück.

Nachts wälzte ich mich hin und her, machte mir Sorgen um meine Tochter. Die nahe Zukunft beschäftigte mich mehr als die ferne. Sie klang, als hätte sie einen rostigen Mähdrescher verschluckt. Irgendwann schlief ich ein. Plötzlich war 2030 und im Roten Rathaus saß eine Frau, die erste grüne Bürgermeisterin. Und erst die zweite Frau nach der fast vergessenen Luise Schroeder.

Nach der Wahl war die neue grüne Senatschefin gleich schwanger geworden, was für eine ziemliche Aufregung in der Stadt gesorgt hatte. Würde sie ihr Amt niederlegen? Und wenn nicht, wie soll sie das schaffen? Eine Regierungschefin mit Baby? Das mag im fernen Neuseeland klappen, aber in Berlin?

Männer beantragen längere Elternzeiten

Hochschwanger trat die grüne Bürgermeisterin schließlich mit ihrem Mann, einem Informatiker, vor die Presse, und sagte, dass er seine Karriere zurückstellen und die ganze Elternzeit von zwölf Monaten nehmen werde. Es führte in den kommenden zwölf Monaten dazu, dass mehr Männer als je zuvor in Berlin längere Elternzeiten beantragten.

Nach der Geburt brachte die grüne Bürgermeisterin ihr Baby ganz selbstverständlich in die Senatssitzungen mit. Die Teilnehmer gewöhnten sich daran, über Haushalts- und Bebauungsfragen zu debattieren, während die drahtlose Milchpumpe ratterte. Manchmal hielt der Fraktionschef der Linken das Baby. Sitzungen nach 16.30 Uhr wurden abgeschafft, ohne dass die Stadt schlechter funktionierte als zuvor.

Mehr Gehalt für Erzieherinnen

In ihrem Wahlkampf hatte die grüne Bürgermeisterin dafür geworben, Berlin zur familien- und kinderfreundlichsten Stadt der Welt umzubauen. Zu den ersten Amtshandlungen der Bürgermeisterin gehörte, dass sie die Krankenhäuser, die vom Land hohe Zuschüsse erhielten, zu einer 1:1-Hebammen-Betreuung für Schwangere verpflichtete.

Kuriere, die einst für die aus der Mode gekommenen Essenslieferdienste gearbeitet haben, überbrachten Neu-Eltern Geburtsurkunden direkt nach Hause vom Amt. Dank der sprudelnden Steuereinnahmen hob der Senat die Gehälter der Erzieherinnen und Erzieher in den kommunalen Kitas an, kurz darauf mussten die freien Träger nachziehen, um im Wettbewerb um qualifiziertes Personal mithalten zu können. Erzieher wurde zu einem der beliebtesten Berufe unter Berufsanfängern, er galt als „digitalisierungsfest“, das heißt, er konnte nicht von den Robotern übernommen werden, die jetzt überall eingeführt wurden.

Vier-Tage-Woche ist normal

Die grüne Bürgermeisterin hatte früh verstanden, dass es bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht allein um die Bereitstellung von Kitaplätzen ging, sondern um grundsätzlichere Fragen, um einen Wandel der Arbeitswelt. Gemeinsam mit den landeseigenen Unternehmen setzte sie einen Pakt für Familienarbeitszeit durch: mit flexiblen Arbeitszeiten, Sabbatjahren, Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich.

Wurden Kinder krank, durfte ein Elternteil bei vollem Lohnausgleich zu Hause bleiben. Führungskräfte bekamen ein intensives Coaching, wie sie Väter unterstützen, die Teilzeit arbeiten wollen. Schirmherrin des Programms wurde Sigrid Nikutta, die ehemalige Chefin der BVG. Am Anfang waren die Widerstände groß, aber nach und nach zogen die Betriebe mit, weil sie merkten, dass es nicht nur ihr Image verbesserte, sondern auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter stieg. Das Klima in der Stadt veränderte sich. Start-ups, in denen die veraltete 60-Stunden-Kultur propagiert wurde, fanden kaum noch Personal.

Dann wachte ich auf, im Fernsehen erklärte Sandra Scheeres, dass etwas nicht funktionierte. Der Traum war vorbei.

Sabine Rennefanz liest am 23. Januar um 20 Uhr aus ihrem neuen Buch „Mutter to go“ bei Literatur LIVE im Pfefferberg Theater. Karten gibt es unter 030/93 93 58 555.