In welches ungeheure Dilemma die Chefärzte deutscher Kliniken geraten, wenn sie einen Vertrag mit wirtschaftlichen Zielvereinbarungen unterschreiben, lässt sich beim herausragenden Soziologen des 20. Jahrhunderts nachlesen – auch wenn sich Niklas Luhmann soweit bekannt nie mit Chefarztverträgen befasst hat. Wirtschaft und Medizin sind zwei Systeme, die nach völlig anderen Regeln funktionieren: In der Wirtschaft geht es um die optimale Allokation von Geld. Dieses ist immer dort am besten angelegt, wo es den höchsten Ertrag bringt. Die Medizin interessiert sich dagegen nicht für solche monetären Interessen: Bei ihr geht es nur darum, Menschen zu heilen.

Wenn Chefärzte Bonuszahlungen für das Erreichen wirtschaftlicher Ziele erhalten, dann kapert das Wirtschaftssystem die Medizin. Statt für die medizinisch beste Versorgung zu kämpfen, müssen die Chefmediziner nun die Finanzen optimieren. Das ist ganz im Interesse der kaufmännischen Leitung der Kliniken, die schließlich die engen Budgetvorgaben der Politik einhalten müssen.

Der Aufschrei der Ärzteschaft ist genauso berechtigt wie verständlich. Denn die Entwicklung ist aus der Sicht der Patienten beängstigend. Sie müssen sich ein weiteres mal fragen, ob sie in den Krankenhäusern noch entsprechend der medizinischen Möglichkeiten behandelt werden.

Die Politik sollte einmal gründlich über die von ihr forcierte Ökonomisierung der Medizin nachdenken. Denn was in den Krankenhäusern passiert, ist auch bei den niedergelassenen Ärzten längst Alltag.

Auch bei ihnen rücken die Finanzen immer stärker in den Vordergrund. Richtig wäre es, die Bonuszahlungen bei den Chefärzten zu verbieten – und die niedergelassenen Ärzte mit festen Monatslöhnen auszustatten. Dann könnten die Mediziner sich – ohne betriebswirtschaftliche Gedanken im Kopf – wieder um die medizinisch optimale Versorgung der Patienten kümmern.

Teurer muss das nicht unbedingt werden: Denn ein guter Teil der Über-, Unter- und Fehlversorgung im Gesundheitswesen dürfte auf ökonomische Anreize und Zwänge zurückzuführen sein. Das würde man sich künftig sparen.