Notfallpläne, massenweise Zugausfälle, teure und ausgebuchte Fernbusse, Chaos in der S-Bahn und Stillstand auf den überlasteten Fernstraßen – das kennen die Deutschen mittlerweile. Warum also aufregen über die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) und deren Chef Claus Weselsky?

Wenn man nicht betroffen ist, kann man leicht so nonchalant über das Treiben einer kleinen Gewerkschaft mit etwas mehr als 30.000 Mitglieder urteilen. Doch wenn einige, wenige Spezialkräfte unter der Führung einer aggressiven und kompromissunwilligen Gewerkschaft zum achten Mal die Züge weitgehend lahmlegen, geht es um mehr als Belästigungen. Die sind ärgerlich genug.

Aber es steht noch mehr auf dem Spiel, nämlich die Solidarität in den Belegschaften.  Jahrzehntelang profitierte Deutschland vom Prinzip ein Betrieb - ein Tarifvertrag.  Dieser Grundsatz der Tarifeinheit geriet ins Wanken, als das Bundesarbeitsgericht 2010 seine Rechtsprechung änderte. Seitdem erleben die Menschen, was es heißt, wenn Minderheiten in Schlüsselpositionen ihre Macht ausspielen.

Piloten und Ärzte haben es vorgemacht. Keiner aber treibt es so bunt wie die Lokführer. Mit aller Macht wollen Weselsky und seine Truppen  die Rechte einer Minderheit gegen die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Weselsky kämpft nicht allein gegen das Management der Bahn, sondern vor allem gegen die Konkurrenzorganisation EVG. Diese deutlich größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft will er  zurückdrängen.

Bedeutung über den Einzelfall hinaus

Damit bekommt dieser Arbeitskampf grundsätzliche Bedeutung über die Branche und den Einzelfall hinaus. Während sich das Land auf den Rekordstreik  vorbereitet, berieten im Deutschen Bundestag die Abgeordneten über ein Gesetz, das die Tarifeinheit wieder herstellen und Auswüchse wie diesen künftig verhindern sollen. Die Kritik daran kommt völlig überzogen daher.

Unter dem Deckmäntelchen des Minderheitenschutzes streiten Weselsky und Co. dafür, ihren Egotrip auf Kosten der Allgemeinheit und  der Kollegen ungehindert fortsetzen zu können. Die Tarifeinheit ist kein Instrument, um Arbeitnehmer zu schwächen,  Gewerkschaften zu beschneiden oder gar das Streikrecht auszuhebeln.  Dieser bewährte Grundsatz sorgt für einen fairen Interessenausgleich zwischen Starken und Schwachen unter den Beschäftigten.

Das Prinzip der Solidarität hat Gewerkschaften groß gemacht und leistet einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik.  Indem sie die Interessen der Arbeitnehmer bündeln, verhindern die Gewerkschaften, dass sich  Einzelne in Gehaltsverhandlungen mit dem Chef  unterbieten.

Sie gleichen auch die Interessen der Beschäftigten untereinander aus, bevor sie gemeinsam gegenüber dem Arbeitgeber auftreten. Diesen Grundsatz setzen Spartengewerkschaften wie   die GDL oder auch Cockpit außer Kraft. Sie interessiert nicht, wie viel die anderen  verdienen, die nicht bei ihnen organisiert sind. Weselsky nimmt die eigene Klientel ins Visier. Die Bedürfnisse der anderen geraten dabei aus dem Blickfeld.

Solidarität zwischen den Arbeitnehmergruppen

Unsinn ist die Behauptung, die Tarifeinheit beschneide über Gebühr  das Grundrecht,  streiken und Gewerkschaften bilden zu dürfen.  Arbeitskämpfe hat es in der Bundesrepublik immer gegeben, auch als die Gerichte die Tarifeinheit hochhielten.  Auch konnten einzelne Berufsgruppen  eigene Gewerkschaften bilden. Schwerer fiel es allerdings  Minderheiten, sich auf  Kosten der anderen auszutoben.  Die Tarifeinheit steht für die  Solidarität zwischen den Arbeitnehmergruppen. Damit  ist Deutschland gut gefahren, auch im übertragenen Sinne.