Berlin - Über Jahrzehnte hinweg hat nichts das Leben von Milliarden Menschen geprägt wie die Globalisierung. Seit der Gigant  China in die Weltwirtschaft eintrat, Indien sich  zu einem ernst zu nehmenden Handelspartner entwickelte  und sich Osteuropa öffnete, veränderten sich der betriebliche Alltag und das soziale Miteinander auch in Deutschland radikal.

In atemberaubender  Geschwindigkeit verlagerten  Konzerne ihre Fabriken oder kauften Billigteile in Fernost ein, um sie tausende Kilometer weiter zu Produkten zusammen zu schrauben. Für Arbeitnehmer gingen alte Sicherheiten verloren. Vor allem die am unteren Ende der Hierarchie bekamen zu spüren, dass sie ersetzbar wurden. In jüngerer Zeit verstärkte die Digitalisierung mit dem Siegeszug erst von IBM,  Intel und  Microsoft, dann von  Apple und Amazon diese Prozesse.

Globalisierung und  Digitalisierung verschärfen die soziale Ungleichheit

Endlos können Akademiker darüber streiten, welcher der beiden Megatrends die größere Kraft entfaltet. In jedem Fall wirken sie in vielerlei Hinsicht in dieselbe Richtung. Sie schaffen enorme Gewinne für Unternehmen  und Verbraucher, die nicht nur Computer, Rückspiegel oder Schrauben, sondern längst auch bei  Airbnb Ferien-Zimmer  und bei Uber  die Anreise zum Flughafen  billiger denn je einkaufen können. Die  Angestellten in den Hotels und die Taxifahrer sind die Verlierer. Arbeiter ohne Harvard-Abschluss und IT-Spezialkenntnisse fallen zurück. Gemeinsam verschärfen Globalisierung und  Digitalisierung die soziale Ungleichheit.

Und dann? Dann kam Donald Trump.  Mit dem Instinkt eines  Populisten griff er die Abstiegs-Ängste der weißen Industriearbeiter auf und geißelte in seinen Tiraden die Globalisierung. Seinen  Furor richtete er ebenso auf die  Digital-Konzerne aus Kalifornien. Denn die zeigen sich  mit ihrer liberalen, pluralistischen Weltanschauung tolerant gegenüber Homosexuellen und gegenüber Chinesen, Europäern und sogar gegenüber  Mexikanern, die  kommerziell verwertbare Talente mitbringen. Die Digitalisierung, die Dominanz von Smartphone, von  Cloud und Drei-D-Drucker wird Trump jedoch nicht stoppen können.

Der vielleicht letzte Versuch das alte Handelssystem zu retten

Bei der Globalisierung sieht  es anders aus.  An diesem Mittwoch unternimmt  EU-Kommissionspräsident Jean-Claude  Juncker den  nächsten, vielleicht letzten Versuch, das alte Handelssystem zu  retten. Prognosen und  Trump schließen sich zwar im Grunde aus. Dennoch lässt sich mit einiger Sicherheit feststellen, dass Junckers  Mission zum  Scheitern verurteilt ist. Von seiner Liebe zu Zöllen, zu Schranken  und Mauern wird sich der Globalisierungskritiker im Weißen Haus nicht abbringen lassen.

Damit bringt Trump die Globalisierung, wie wir sie kennen, ins Wanken. Ihm hilft dabei, dass die  Erosionsprozesse schon vor seinem Amtsantritt begonnen haben. Seit einiger Zeit wundern sich die Fachleute darüber, dass der weltweite Handel nicht mehr so rasant wächst wie gewohnt. Dies  könnte daran liegen, dass sich der Schub durch die Integration Chinas in die globale Marktwirtschaft nicht  einfach wiederholen lässt. Inzwischen stellt die Volksrepublik  ihr Geschäftsmodell um und konkurriert  stärker mit den reichen  Industrienationen um High-Tech-Fertigungen, statt schlicht billig Massenware in die ganze Welt zu  liefern.

Globalisierung wird politisch ausgebremst

Aber auch politisch  wird die Globalisierung schon länger ausgebremst. Nach  dem Zweiten Weltkrieg bauten Amerika, Europa und Japan die Zölle im Handel radikal ab. Im 21. Jahrhundert scheiterten dagegen alle  Versuche kläglich, mit globalen Abkommen den Freihandel voranzutreiben. Mit  Stillstand konnten die  Freihändler gerade  noch leben. Nun aber droht ihnen mit  Trump ein  Rückschritt oder sogar ein größerer Rückschlag. Ziemlich deutlich zeichnet  sich  eine neue Wirtschaftsordnung mit  vielen  Blöcken  ab.  Europa schafft mit  Japan, mit  Lateinamerika und mit asiatischen  Partnern jeweils eigene Freihandelsräume. Ähnlich gehen die Pazifikstaaten ohne die USA vor. Das ist besser  als nur Abschottung und Nationalismus. Oder genauer gesagt: Es ist weniger schlecht.

Die Verlierer der Globalisierung werden nicht profitieren, wenn die großen Wirtschaftsregionen USA, Europa und China sich untereinander  bekriegen und mit dem Rest Interessenszonen definieren. Nicht  nur am Beispiel von Harley- Davidson zeigt sich, dass die Industriearbeitsplätze in den Vereinigten Staaten damit noch  schneller verschwinden werden. Mit seiner aggressiven Wirtschaftspolitik treibt  Trump den  Dollar nach oben, was die  Arbeit in Ohio und Michigan verteuert. Mit den Zöllen erhöht er die Kosten der Industrie, die auf Importe angewiesen ist. Und mit seinen zügellosen Steuersenkungen für die Konzerne nimmt er dem Staat die Handlungsfähigkeit, um die Verlierer der Globalisierung fit zu machen für die Anforderungen im 21. Jahrhundert. Wer in Deutschland, in Amerika oder in Frankreich den Frust über gebrochene  Wohlstandsverbrechen ernst nimmt, muss  die Globalisierung  gestalten statt sie brutal und  ohne Verstand abzuwürgen.