Für Stammtische ist die Meldung des Bundesinstituts für Berufsbildung gefundenes Fressen: Fast ein Viertel aller Ausbildungsverträge wurden im Jahr 2011 vorzeitig gelöst. Da sieht man‘s mal wieder, sind zu bequem, packen nicht ordentlich an, junge Faulenzer, Weicheier, Nichtsnutze. Zu unserer Zeit hat’s das nicht gege . . .

Stopp, falsch, hat es immer. Auch vor 20 und 30 Jahren haben junge Leute ihre Lehre nicht beendet. Weil Betriebe schließen mussten, aus gesundheitlichen Gründen, wegen eines Konflikts mit dem Vorgesetzten oder um einer anderen Berufsausbildung willen. Diese und andere Gründe gab es damals und es gibt sie heute. Richtig allerdings ist: Im Jahr 2011 wurden 24,8 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgekündigt, in Zahlen 149 760. Und damit mehr als in jedem anderen Jahr seit Anfang der 90er.

Dies hat jedoch nichts mit grassierender Arbeitsscheu nachwachsender Generationen zu tun, sondern ganz einfach mit der im Vergleich zu früheren Jahren arbeitnehmerfreundlichen Arbeitsmarktlage zu tun. Seit einiger Zeit schon gibt es mehr offene Lehrstellen als Bewerber. Die jungen Leute haben eine größere Auswahl. Die Auflösung eines Lehrvertrags bedeutet nicht automatisch Arbeitslosigkeit, sie bedingt keineswegs, dass man lebenslang sein Dasein als ungelernte Hilfskraft fristen muss.

Sofort eine neue Stelle

Dies war zwar auch früher schon nicht zwangsläufig der Fall: Studien aus dem Jahr 2002 belegten, dass rund die Hälfte derjenigen, die ihre Ausbildung abbrachen, direkt im Anschluss eine andere Lehre begannen. Mittlerweile aber dürfte sich die Zahl der Wechsler noch deutlich erhöht haben. Die relativ große Auswahl an Lehrstellen führt dazu, dass manche Bewerber gleich mehrere Verträge unterschreiben, um sich am Schluss den für sie besten auszusuchen.

Bei Bewerbern, die mehrere Verträge unterschrieben haben, landen die nicht angetretenen Lehrstellen nicht in der Abbruchstatistik. Bei Abiturienten, die zunächst ein bisschen in die Lehre gehen und dann abbrechen, weil sie einen Studienplatz bekommen haben, ist das anders: Die abgebrochene Ausbildung geht in die Statistik ein. . Einen ähnlichen Effekt haben die doppelten Abiturjahrgänge in vielen Bundesländern: Wer nicht weiß, ob er seinen Wunschstudienplatz erhält, schließt vorsichtshalber noch einen Ausbildungsvertrag ab – der gegebenenfalls wieder gelöst wird.

In großen Städten mit vielen kleinen Ausbildungsbetrieben wie Berlin kommt ein weiteres Phänomen hinzu, das Daniel Jander, Presssprecher der ansässigen Handwerkskammer, anhand des Friseurhandwerks: „Wenn am Prenzlauer Berg ein cooler Szenefriseur aufmacht, dann kündigen manche ihren Vertrag, nur um da in die Lehre zu gehen.“ Von wegen faul. Außerdem: Die Abbruchquote unter Studenten ist viel höher: Bei Bachelor-Studiengängen beenden 28 Prozent das Studium vorzeitig ohne Abschluss – und zwar – anders als die Azubis, die ja meist woanders weiter machen – endgültig..