Berlin - Die Euro-Gruppe hat Griechenland noch eine Fristverlängerung eingeräumt. Man mag es nicht mehr hören. Zum gefühlt 97.Mal beteuern Angela Merkel, François Hollande und Jean-Claude Juncker, dass nun  endgültig die Zeit abläuft für Athen. Die Wetten laufen, wann das  98. Ultimatum folgen wird. Dann aber wird es  wirklich die letzte Gelegenheit sein - nein die Allerletzte. 

Wer so sich konsequent inkonsequent verhält, muss sich über den Frust und Verärgerung der Bürger nicht wundern. Europas Politik läuft Gefahr, im Dauerkonflikt mit  Griechenland ihre  Glaubwürdigkeit zu verspielen. Letztlich geben sich Merkel und  ihre Kollegen der Lächerlichkeit preis. Genau dies zeugt aber, so paradox es klingen mag, von besonderem Verantwortungsbewusstsein. Deutlicher kann Europa nicht demonstrieren, dass es die Griechen nicht fallen lässt und es bereit ist, alles zu tun, um ihnen eine Zukunft in der Währungsunion und der Europäischen Union zu ermöglichen. So viel Langmut und Nachgiebigkeit ist nicht peinlich und beschämend, sondern mutig und schlau.

Abbruch der Gespräche wäre für Merkel zu leicht gewesen

Für Merkel hätte es in dem Endlosdrama reihenweise Gelegenheiten  gegeben, das traurige Schauspiel zu beenden und die Unterstützung für das Euro-Land einzustellen. Noch an diesem Dienstag reiste Ministerpräsident Alexis Tsipras wieder zum Gipfel ohne Sparvorschläge. Mit einer Volksabstimmung stieß der Syriza-Chef  selbst die Wohlmeinenden vor den Kopf. Ohne jede Hemmung polemisiert seine Regierung gegen die letzten, die ihr Kredite geben möchten, nachdem sich die privaten Investoren längst verabschiedet haben.

Es wäre für Merkel nur zu leicht gewesen, die Gespräche abzubrechen und die Schuld für das Scheitern der griechischen Seite zuzuweisen. Dass sie dieser Versuchung widersteht, widerlegt alle Kritiker, die ihr mangelndes Interesse an Europa vorwerfen. Und in der Tat besteht noch immer die Chance auf einen glimpflichen Ausgang, der den Zerfall der Währungsunion verhindert und Europa vor einem historischen Rückschlag bewahrt.

Gläubiger müssen Tsipras etwas bieten, mit dem er bestehen kann

Auch das gehört zu den paradoxen Erscheinungen in einer Krise voller Widersprüche. Das klare Nein der Griechen zu den Spar- und Reformvorgaben scheint Regierungschef Tsipras innenpolitisch so gestärkt zu haben, dass er im Ringen mit den Gläubigern  eher Kompromisse eingehen könnte als vorher. Denkbar ist, dass er sich mit den Oppositionsparteien dafür eine Mehrheit   im Athener Parlament organisiert, die ohne die Stimmen der radikalen Kräfte  in seiner Syriza-Bewegung auskommt. Die Griechen leben in diesen Tagen im Ausnahmezustand. Sie spüren in einem Alltag voller Spannung und Einschränkungen, was es heißt, ohne die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft auskommen zu müssen. Auch das könnte eine Annäherung erleichtern. Umgekehrt müssen die Gläubiger begreifen, dass sie Tsipras etwas bieten müssen, mit dem er  im griechischen Parlament bestehen kann.

Beide Seiten bewegen sich auf dem Weg zu einer Einigung auf einem schmalen Grat, von dem jederzeit der Absturz droht. Aber es spricht für Europas Politik, dass sie nichts unversucht lässt.