Kommt ein Banken-Crash? Der Wirtschaftskrieg hat seine ersten Zinstoten

Ob beim Dax oder der Credit Suisse: Das Bankenbeben ist auch Folge des Wirtschaftskrieges zwischen dem Westen und Russland. Unser Kolumnist erklärt, worauf wir uns einstellen müssen.

Die EZB erhöht den Leitzins und verunsichert damit die Dax-Anleger.
Die EZB erhöht den Leitzins und verunsichert damit die Dax-Anleger.Fredrik von Erichsen/dpa

Aufgepasst! Der Sensenmann geht um. In den USA hat er gleich dreifach zugeschlagen, drei Banken sind in den letzten zwei Woche pleitegegangen, am prominentesten: der Tod der Silicon Valley Bank (SVB).

Auch in der Schweiz hat er angeklopft, bei der renommierten Credit Suisse, deren Aktie an einem Tag rund ein Drittel an Wert verlor. Auch bei deutschen Bankaktien herrschte Abverkaufsstimmung, der Dax rutschte drei Prozent ins Minus.

Vorerst ist die Panik behoben, weil die amerikanische Zentralbank eine Vollkasko-Versicherung für Bankkunden ausgerufen und die Schweizer Nationalbank der Credit Suisse 50 Milliarden geliehen hat. Vorerst aber auch nur! Denn die Hochzinspolitik der Zentralbanken zieht eine Schneise der Verwüstung durch die Wirtschaft.

EZB erhöht Leitzins auf 3,5 Prozent

Eigentlich verrückt: Die Zentralbanken müssen einen Flächenbrand löschen, den sie selbst gelegt haben. Denn die Zinsen haben sie so drastisch erhöht, um die Inflation zu bekämpfen. Und die Inflation kommt maßgeblich von dem Energiepreisschock, den der schreckliche Ukrainekrieg und die Sanktionspolitik gegen Russland ausgelöst haben. Aus Sorge vor Gasknappheit vervielfachte sich der Gaspreis im letzten Jahr an den Börsen und ließ die Inflationsraten nach oben schießen.

Das Problem: Nach Jahren von Nullzinsen haben viele Banken Staatsanleihen in ihrer Bilanz, die kaum Zinsen abwerfen. Genau diese Anleihen verlieren jetzt kräftig an Marktwert und sorgen für unrealisierte Verluste in den Bankbilanzen. Würden die Banken die Anleihen verkaufen, bekämen sie deutlich weniger dafür. Um Verluste zu vermeiden, müssten sie die Anleihen bis zum Ende der Laufzeit behalten – dann bekämen sie die Ausgabewerte zurück.

Nur, das geht nicht immer, wie das Beispiel der Silicon Valley Bank zeigt. Vorneweg: Die SVB war speziell, weil ihr Geschäftsmodell nicht das klassische Kleinkundengeschäft war –mit Schaltern für Rentner, die ihre Überweisungsträger noch händisch ausfüllen –, sondern das Geschäft mit Großkunden in Kaliforniens Tech- und Krypto-Szene. Darunter Berühmtheiten wie der Milliarden-Investor Peter Thiel. Genau der löste die Todesspirale mit aus, als er letzte Woche ankündigte, Hunderte Millionen von der SVB abzuziehen. Im Internet brach Panik aus, plötzlich wollten Großkunden Einlagen in Höhe von 42 Milliarden US-Dollar abziehen. Ein digitaler Bankansturm (oder Bankrun), der die SVB überforderte.

Bankenkrise: Auch anderen Banken droht der Bankrun

Panik verbreitet sich im Internet schneller als Feuer in trockenem Heu. Die Auslöser können klein sein. Die schlechte Nachricht: Panikauslöser wird es bald noch viel mehr geben. Die Tatsache, dass allein amerikanische Banken nach Angaben der Aufsichtsbehörden rund 620 Milliarden Dollar an unrealisierten Verlusten in ihren Büchern haben, könnte zu noch mehr panischen Bankruns führen. Sobald die großen Ratingagenturen das Kreditrating einzelner Banken herunterstufen und in Internetforen Panikstimmung ausbricht, drohen Aktien in den Keller zu rauschen und Kunden ihre Gelder abzuziehen.

Auslöser kann auch eine neue Welle ausfallender Immobilienkredite sein. Vier oder fünf Prozent höhere Zinsen bedeuten schnell mehrere hundert, wenn nicht sogar Tausende Euro mehr an Zinskosten pro Monat – für viele ein finanzieller Genickbruch. Wer letztes Jahrzehnt zu günstigen Zinsen gebaut oder gekauft hat, kann sich die deutlich teurere Anschlussfinanzierung vielleicht nicht mehr leisten oder wird davon in eine Überschuldungsspirale gezogen. Die Folge: Kreditausfälle für Banken und Verluste für sie oder ihre Versicherungen.

Apropos Versicherungen: Die haben ein ähnliches Problem wie die Banken. Auch sie halten verlustbringende Staatsanleihen. Auch ihnen droht, dass Ratingagenturen ihr Kreditrating runterstufen und ihre Aktien Panikverkäufen zum Opfer fallen.

So können Politik und Zentralbanken den Crash vermeiden

Die Zentralbanken stecken in einem Dilemma. Einerseits wollen sie den Crash vermeiden, andererseits mit höheren Zinsen die Inflation bekämpfen. Es braucht einen Kurswechsel: Die Zinserhöhungsorgie muss aufhören. Die Energiepreise sind an der Börse längst gefallen, Gas kostet weniger als vor dem Kriegsbeginn vor einem Jahr, der Inflationsdruck wird bald nachlassen. Das Risiko für ausfallende Immobilienkredite nimmer immer weiter zu. Die neue Zinserhöhung der EZB ist deshalb ein Fehler!

Credit Suisse in Schieflage: Quartalsergebnisse und Aktienkurs der Credit Suisse seit 2019
Credit Suisse in Schieflage: Quartalsergebnisse und Aktienkurs der Credit Suisse seit 2019Deutsche Presse-Agentur GmbH

In den USA sind Einlagen nur bis 250.000 Dollar versichert, trotzdem haben Regierung und Zentralbank versprochen, dass kein Bankkunde auch nur einen Dollar im Feuer stehen hat. In Deutschland greift die Einlagensicherung bis 100.000 Euro. Jetzt wäre der Moment, um den Deckel aufzuheben und zu erklären, dass alle Einlagen sicher sind – jeder Euro, ohne Limit. Bei der SVB wäre so die Panik, dass Bankkunden ihre Einlagen verlieren können, nämlich gar nicht entfacht worden.

Die europäische Zentralbank sollte es zudem der amerikanischen Zentralbank nachmachen und den Banken Kreditlinien einräumen, mit denen die sich so viel Liquidität beschaffen können, wie sie an Staatsanleihen in ihren Büchern haben – und zwar ohne Abschläge und in Höhe des Ausgabewertes der Staatsanleihen. Unrealisierte Verluste werden dann nämlich nicht mehr zur Liquiditätsfalle. Der Sensenmann muss entwaffnet werden!

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de