Konjunktur: EZB senkt Leitzins auf Rekordtief

Die Europäische Zentralbank (EZB) greift zu drastischen Maßnahmen, um der schwachen Konjunktur in der Euro-Zone aufzuhelfen. Sie senkte am Donnerstag den ohnehin niedrigen Leitzins auf ein Rekordtief. Die Aktienmärkte reagierten euphorisch. Kritik an dem Schritt kam hingegen von der deutschen Finanzwirtschaft.

Die EZB reduzierte den Zinssatz, zu dem sich Banken bei ihr kurzfristig Geld leihen können, von 0,5 auf 0,25 Prozent. Ziel ist, dass die Banken Unternehmen und Haushalten günstigere Kredite anbieten. Das soll die Konjunktur ankurbeln. Während Schuldner von einem niedrigeren Zinsniveau profitieren, erleiden Sparer Verluste.

Zwar ist die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone nach sechs aufeinanderfolgenden Quartalen im Frühjahr 2013 erstmals wieder gewachsen. Doch die Erholung bleibt schwach. „Die konjunkturellen Risiken sind abwärts gerichtet“, erklärte EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt die Zinssenkung. Zwar deuteten die Indikatoren auf ein weiteres Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr 2013 hin. Doch bleibe die Arbeitslosigkeit hoch, der Schuldenabbau von Staaten, Unternehmen und Haushalten laste auf der Konjunktur.

Gerechtfertigt sei die Leitzinssenkung insbesondere vor dem Hintergrund der extrem niedrigen Inflation, sagte Draghi weiter. Im Oktober war die Teuerungsrate auf nur noch 0,7 Prozent gefallen nach 1,1 Prozent im September. Sie liegt damit weit entfernt vom Inflations-Zielwert der EZB, der bei nahe, aber unter zwei Prozent liegt. Im Zuge der sinkenden Inflationsrate waren Befürchtungen aufgekommen, die Euro-Zone nähere sich einer Deflation, also einer Spirale aus sinkenden Preisen, sinkenden Einnahmen der Unternehmen, zurückgehenden Konsum- und Investitionsausgaben. Ein solches Risiko sehe die EZB derzeit nicht, sagte Draghi. Allerdings erwarte die Zentralbank eine langanhaltende Phase niedriger Inflationsraten.

Der Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Meister, warnt vor spekulativen Blasen. „Die Zinsentscheidung steht vor dem Hintergrund einer niedrigen Inflation“, sagte er der Berliner Zeitung. Schon jetzt sei zu viel Liquidität in den Kapitalmärkten. „Die Gefahr von Vermögenspreisblasen existiert und wird durch diese Entscheidung nicht geringer.“

An den Aktienmärkten führte die Zinssenkung zu starken Kurssteigerungen. Der Deutsche Aktienindex erreichte ein Rekordhoch. Der Euro verlor gegenüber dem US-Dollar zwei Cent. Ein schwächerer Euro macht in Europa produzierte Waren auf dem Weltmarkt tendenziell billiger und stärkt so den Export.

Ökonomen und professionelle Investoren zeigten sich überrascht von dem Zinsschritt der EZB. „Der direkte wirtschaftliche Effekt der Zinssenkung wird eher klein sein, da die Zinsen bereits vorher sehr gering waren“, sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. „Dennoch zeigt die EZB Handlungsbereitschaft und macht klar, dass sie alles Nötige tun wird, um die Euro-Zone durch die Krise zu steuern.“

Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft nannte die Zinssenkung ein „fatales Signal an alle Altersvorsorgesparer in Deutschland“. Die niedrigen Zinsen gingen massiv zu ihren Lasten.

Die Volks- und Raiffeisenbanken glauben, dass die noch niedrigeren Zinsen auch in den Krisenländern nicht ankommen werden. Die dortigen Banken würden aufgrund ihrer schwierigen Lage diese nicht an Unternehmen und Privatkunden weiterreichen. Auch für Südeuropa sei die Zinssenkung daher nicht notwendig gewesen.