Coronavirus breitet sich aus: Aktuelle Entwicklungen auf einen Blick

  • Aktuell 30 Fälle in Deutschland
  • Coronavirus-Fälle in mindestens 16 europäischen Ländern
  • Größter Ausbruch Europas in Italien: 650 Infizierte, 17 Tote
  • WHO warnt vor einem „pandemischen Potenzial“
  • Spahn: Deutschland steht „am Beginn einer Coronavirus-Epidemie“
  • Bundesregierung hat einen Krisenstab eingerichtet
  • Seehofer für Absage der Reisemesse ITB

BerlinDie Internationale Tourismus Börse (ITB) in Berlin sollte abgesagt. Dafür plädiert zumindest Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) angesichts des sich ausbreitenden Coronavirus. „Ich persönlich bin der Meinung, dass man sie nicht durchführen sollte“, sagte er der Zeitschrift Wirtschaftswoche. Das Risiko bei einer solch großen Tourismusmesse mit Vertretern auch aus betroffenen Regionen und mit erwarteten 150.000 Besuchern sei nicht kalkulierbar.

Eine feste Empfehlung werde allerdings am Freitag der neue Krisenstab der Bundesregierung zum Corona-Virus erarbeiten, kündigte Seehofer an. Die Absage einer solchen Großveranstaltung sei bedingt „durch höhere Gewalt. Das ist dann wie ein Orkan oder wie eine Krankheit“, sagte Seehofer dem Blatt. Die endgültige Entscheidung liege beim Land Berlin.

ITB erwartet 10.000 Aussteller aus mehr als 180 Ländern

Die ITB ist die weltgrößte Reisemesse: 10.000 Aussteller aus mehr als 180 Ländern und mit erwarteten 160.000 Besuchern. Noch haben sich die Verantwortlichen nicht zu einer Entscheidung durchgerungen. Bereits ganz abgesagt haben Alltours, das Online-Portal HRS, der Autovermieter Sunny Cars und Korean Air. Zwei der wichtigen Aussteller DER Touristik und Schauinsland verzichten auf ihre Abendveranstaltungen auf der ITB.

Andere Messeveranstalter haben auf die Virusbedrohung bereits reagiert. Weltweit konnte das Virus inzwischen in etwa 40 Ländern nachgewiesen werden. Mit der Kölner Eisenwarenmesse (ab 1. März) und der Prowine Asia (ab 31. März in Singapur) werden die ersten Ausstellungen abgesagt und auf spätere Termine verschoben – auf neue Termine in wenigen Wochen, aber meist auf das kommende Jahr.

Unverändert soll aber noch die Internationale Aktionswaren- und Importmesse IAW in Köln vom 10. bis 12. März stattfinden. Die Berliner Bekleidungsmesse „Asia Apparel Expo“ ist verschoben auf den 23. Juni, die Frankfurter Messe „Light + Building“ (Weltleitmesse für Licht und Gebäudetechnik) auf September 2020. Die Schweizer Stiftung für Uhrmacherkunst hat die Genfer Uhrenmesse „Watches and Wonders“ (geplant 25. bis 29. April) abgesagt.

Die Furcht vor dem Virus lähmt zunehmend das weltweite Messegeschäft. Laut einer Datensammlung der Frankfurter m+a Messemedien sind rund um den Globus bereits 230 Messeveranstaltungen abgesagt oder verschoben worden. Darunter sind 50 Veranstaltungen in Europa mit dem Schwerpunkt Italien.

In China hat man bereits auf Maßnahmen wie Heimarbeit und Videokonferenzen zurückgreifen müssen. Das wird womöglich auch auf Deutschland zukommen.

Volker Treier, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer Deutscher Industrie- und Handelskammertag e.V.

Wie sieht es bei der „Hannover Messe“ aus? Über 6000 Aussteller bereiten sich auf die größte Industriemesse ab dem 20. April vor. Jochen Köckler, Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Messe AG: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es zu früh, um über eine Verschiebung der Messe zu entscheiden. Stand heute gibt es keine nennenswerten Absagen von Ausstellern. Diese Woche finden weitere Gespräche mit den Gesundheitsbehörden statt.“

Nicht nur das Messegeschäft wird durch die Angst vor dem Virus belastet. Selbst Großkonzerne wie Microsoft und Apple sind von dem Virus betroffen. Apple hatte bereits vergangene Woche eine Gewinnwarnung veröffentlicht, am Donnerstag folgte Konkurrent Microsoft. Die drakonischen Sicherheitsmaßnahmen der chinesischen Behörden im Kampf gegen das Virus haben zu starken Auswirkungen auf die dortige Technologieproduktion geführt.

DIHK-Außenwirtschaftschef sieht Konjunktureinbruch

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat nun vor massiven Belastungen für die Konjunktur gewarnt. „Die Ausbreitung des Coronavirus wird der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr erheblich zusetzen“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier am Donnerstag. „Produktionsausfälle bei chinesischen und deutschen Firmen in China, massive Reiseeinschränkungen und Handelseinbrüche zwischen China und asiatischen Nachbarländern sowie Nachfrageausfälle in Tourismus und Einzelhandel sind wahrscheinliche Szenarien, die auf die Wirtschaft auch in Deutschland und Europa zukommen können.“ In  China habe man bereits auf Maßnahmen wie Heimarbeit und Videokonferenzen zurückgreifen müssen. Das werde womöglich auch auf Deutschland zukommen.

Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie, spricht von einem Stress-Test für die deutsche Wirtschaft. Die Folgen des Virus seien in der globalen Wirtschaft und der exportorientierten deutschen Industrie bereits deutlich spürbar. DieLieferketten sind gestört, das kann zu Produktionseinschränkungen in Regionen führen, die vom Virus gar nicht betroffen sind.

Wirtschaftswissenschaftler plädiert für Kurzarbeit

Stefan Kooths, Konjunkturchef beim IfW-Kiel, rechnet nach einer ersten groben Schätzung damit, dass sich wegen der drohenden Epidemie das Bruttoinlandsprodukt im Gesamtjahr um 0,2 Prozent verringern wird. Damit würde Deutschland wirtschaftlich stagnieren. Genauere Einschätzungen wird es im März geben.

Die Bundesregierung, da sind sich die Ökonomen einig, kann gegen den Coronavirus-Schock wirtschaftspolitisch so gut wie nichts tun. „Die einzig sinnvolle Maßnahme ist die Förderung der Kurzarbeit, wenn wegen fehlender Zulieferungen Fabriken stillstehen sollten“, so der Wirtschaftswissenschaftler Roland Döhrn. Nachdenken könnte die Bundesregierung auch über die Förderung von Überbrückungskrediten für stillstehende Fabriken.

Bundeswirtschaftsminister Peter Atlmaier (CDU) stellte bei einer krisenhaften Entwicklung der Viruserkrankung Hilfen in Aussicht, etwa das Vorziehen von geplanten steuerlichen Erleichterungen.