Die Berliner Wirtschaft erlebt einen anhaltenden Aufschwung: Zum ersten Mal in diesem Jahrtausend wird die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über die Marke von 1,3 Millionen steigen. Das wären fast 300.000 mehr als im Jahr 2005 und ein Anstieg innerhalb von zehn Jahren von knapp 30 Prozent.

Grund für die überdurchschnittlich positive Entwicklung am Arbeitsmarkt ist die anhaltend gute Wirtschaftslage in Berlin, heißt es in dem am Montag vorgelegten Konjunkturreport der Investitionsbank Berlin (IBB). So wird im laufenden Jahr die wirtschaftliche Dynamik in der Hauptstadt erneut größer ausfallen als im Schnitt aller Bundesländer. Die IBB-Forscher rechnen hier mit einem Wachstum von 2,2 Prozent, während es in Deutschland insgesamt voraussichtlich unter zwei Prozent bleiben wird. Auch für das kommende Jahr werde Berlin seinen Vorsprung (plus 2,1 Prozent) gegenüber dem Bund (1,6 Prozent) halten können. Das höhere Tempo ist auch nötig, weil Berlin nach den gravierenden Strukturumbrüchen vor allem in den 90er-Jahren, die Zehntausende Arbeitsplätze in nicht mehr wettbewerbsfähigen Betrieben kostete, in vielen Bereichen erheblichen Nachholbedarf hat.

Vor allem von der starken Expansion des Dienstleistungsgewerbes profitiert aktuell der Berliner Arbeitsmarkt. Die ist auf die starke Binnennachfrage zurückzuführen. „Die Reallohnzuwächse der vergangenen Jahre und der Mindestlohn sind in den Portemonnaies der Arbeitnehmer angekommen“, betonen die Forscher der IBB. Der Konsum erhalte zudem Impulse von dem anhaltenden Touristenboom, der als Wirtschaftsfaktor längst nicht mehr wegzudenken ist. Wurden im vergangenen Jahr in Berlin 28,7 Millionen Übernachtungen registriert, werden es nach Schätzung der Investitionsbank im kommenden Jahr bereits mehr als 32 Millionen sein. Der Juli 2015 war der erste Monat überhaupt, in dem mehr als drei Millionen Übernachtungen gezählt wurden.

Gute Stimmung in der Baubranche

Rund zwölf Millionen Gäste im Jahr bringen eine Menge Kaufkraft in die Stadt. Davon profitieren Handel, Hotels und Restaurants sowie diverse Dienstleistungen. Die Umsätze im Hotelbereich stiegen im ersten Halbjahr 2015 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um vier Prozent, die in der Gastronomie um zwei Prozent. Der Berliner Einzelhandel legte sogar um fast sechs Prozent zu – doppelt so viel wie im bundesweiten Durchschnitt.

Die IBB-Experten betonen zudem, dass der Konsum in Berlin im laufenden und „vor allem im nächsten Jahr einen zusätzlichen Schub durch die anhaltend hohe Zuwanderung und insbesondere die kräftige Zunahme von Asylsuchenden erhalten“ werde. Allerdings werde es auch im kommenden Jahr einen Dämpfer beim weiteren Rückgang der Arbeitslosenquote geben, da Flüchtlinge, über deren Asylantrag positiv entschieden wurde, dann auch in der Arbeitslosenstatistik gezählt würden, sofern sie keinen Job finden.

Positive Impulse zur Konjunktur steuern nach Angaben der IBB auch Industrie und Bau bei. Die Stimmung in der Baubranche sei „so gut wie lange nicht mehr“, was bei einem Umsatzplus von sechs Prozent im ersten Halbjahr kein Wunder ist.

Das starke Gewicht des Dienstleistungssektors mit oft vergleichsweise niedrig bezahlten Jobs hat allerdings Folgen: Die Einkommen in Berlin bleiben hinter dem bundesweiten Anstieg zurück. Vergleicht man die Zunahme der Löhne und Gehälter pro Arbeitnehmer von 2000 bis 2014, liegt Berlin mit einem Plus von rund 18 Prozent auf dem vorletzten Platz aller Bundesländer (Bundesdurchschnitt: rund 24 Prozent).