Daumen nach oben, so wurde Facebook weltbekannt. Viele Unternehmen senken allerdings gerade den Daumen, weil sie mit dem Geschäftsgebaren des Konzerns nicht einverstanden sind. 
Foto:  APF/Olivier Doulery

BerlinDer Druck muss also nur groß genug sein, damit Mark Zuckerberg und Facebook endlich handeln. Menschenrechtsorganisationen hatten Unternehmen zu einem Boykott aufgerufen, weil der Facebook-Konzern auf seinen Diensten noch immer viel zu wenig gegen rechtsextreme Gruppen, Aufrufe zur Gewalt und Versuche, Wahlen zu manipulieren, tue. Der Boykott soll das Netzwerk dort treffen, wo es ihm besonders wehtut: im Bereich der Werbung. Und das scheint gelungen zu sein.

Zuckerberg hat angekündigt, dass Facebook gegen problematische Posts und  Wahlwerbung gezielt vorgehen werde. Als vor Wochen der Kurznachrichtendienst Twitter erstmals Beiträge von US-Präsident Donald Trump als gewaltverherrlichend markiert hatte, blieb Zuckerberg zurückhaltend. Jetzt will er handeln.  Hoffentlich hält er sich an sein Versprechen. 

Wer jetzt aber glaubt, alles supi, gut gelaufen die Sache, hat die Macht der Konsumenten noch nicht bedacht. Allein in Deutschland nutzen mehr als 20 Millionen Menschen Instagram, ungefähr 30 Millionen Facebook und 58 Millionen WhatsApp (alles Plattformen des Facebook-Konzerns) – wer aus aktuellem Anlass seine persönliche Komfortzone verlässt, um sein persönliches Nutzungsverhalten zu überprüfen, ist also Teil eines sehr starken Hebels. 

Schon klar, ein Leben ohne soziale Medien ist prinzipiell möglich, wäre aber in Zeiten der grenzenlosen Kommunikation und Information für viele Menschen sinnlos. Das zeigen ja die Nutzerzahlen. Und gerade in der Corona-Zeit, wo viele Bürger aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben, können soziale Medien dabei helfen, nicht zu vereinsamen. Also kann es nur darum gehen, genauer hinzusehen, auf welchen Plattformen man sich tummelt und wie man sich einmischt.

Es gibt als Alternative zu WhatsApp längst Messenger-Angebote, die viel sorgsamer mit Datenschutz umgehen als der Facebook-Konzern. Der Wechsel scheitert in der Regel an der Bequemlichkeit und daran, dass andere Dienste Geld verlangen. Tatsächlich muss man aber auch bei Facebook bezahlen, und zwar mit der Freigabe der persönlichen Daten. Die vergangenen Jahren haben gezeigt, welche Folgen das haben kann. Vor allem Facebook hat das Vertrauen seiner Nutzer immer wieder massiv ausgenutzt.

Zur Erinnerung: Wie war das noch mit dem schlampigen Verhalten bei der letzten Präsidentschaftswahl in den USA, als Cambridge Analytica unrechtmäßig Daten erbeutete und so das Wahlverhalten zu Gunsten von Donald Trump beeinflussen konnte? In der vergangenen Wochen musste in Deutschland der Bundesgerichtshof Facebook anweisen, seinen Nutzern eine Wahlmöglichkeit bei der Sammlung und Verknüpfung von Daten aus anderen Internetdiensten anzubieten: Von selbst war Facebook nicht auf die Idee gekommen, diese Selbstverständlichkeit einzuführen.

Es ist allerdings nicht nur der Facebook-Konzern, den die Menschenrechtsorganisationen in den USA kritisieren, auch der Kurznachrichtendienst Twitter gehört dazu, nicht zu vergessen YouTube. Die Video-Plattform hatte vor nicht allzu langer Zeit ein großes Problem, weil Werbung für Kinderprodukte im Umfeld von Videos gezeigt wurde, deren Inhalt Kinder verstören konnte. Es wäre also Zeit für eine bessere Selbstregulierung der Plattformen im Silicon Valley. Die Politik hat mit der Datenschutzgrundverordnung die Rahmenbedingungen in Europa festgelegt, jetzt liegt es an uns Konsumenten, den Druck auf die Konzerne zu erhöhen.

Die Corona-Zeit lehrt uns gerade, dass nichts wirklich beständig und Veränderung immer möglich ist. Eine gute Gelegenheit also, sein eigenes Nutzungsverhalten in den sozialen Medien zu überdenken - und anzupassen. Also bewusster die Kanäle wählen, bei denen man mitmachen will, sich in Diskussionen einmischen, aber sich auch ganz bewusst aus Netzwerken zurückziehen, wenn der Umgangston nur noch geschwätzig ist, wie es der Philosoph Jürgen Habermas zuletzt beschrieb.

Es geht also am Ende um Selbstbestimmung im Netz, um demokratische Regeln und darum, seine Kommunikationsblasen auch wieder zu verlassen. Facebook wurde vor 16 Jahren gegründet - wir hatten eigentlich Zeit genug, uns darüber Gedanken zu machen.