Kredite: Das chinesische Würstchen

Für Fleischprodukte wie Hackfleisch oder Würstchen, von denen niemand genau weiß, woher und von welchem Tier sie überhaupt stammen, haben Amerikaner einen abfälligen Ausdruck „Mystery Meat“, „Geheim-Fleisch“. Mit demselben Ausdruck umschrieb jüngst der bekannte Finanzinvestor Bill Gross die zweitgrößte Ökonomie der Erde: China. „Niemand“, sagte Gross im Bloomberg-TV, „weiß genau, was dort vor sich geht.“ Und das ist ein globales Problem.

Dass dieses Problem gerade jetzt Aufmerksamkeit erhält, liegt wahrscheinlich an Chinas Konjunktur. Die Wachstumsraten im Wirtschaftswundertraumland gehen zurück. Der am Sonnabend bekanntgegebene Einkaufsmanagerindex PMI für Februar fiel auf den niedrigsten Wert seit acht Monaten. Für das Reich der Mitte erwarten Ökonomen in diesem Jahr nur noch ein Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent. So wenig gab es zuletzt 1990.

Die sich abschwächende Konjunktur sät langsam aber sicher Zweifel in den chinesischen Boom und in seine Zukunft. Immer mehr Ökonomen stellen Fragen nach den Billionen von Krediten, die zur Finanzierung des immerwährenden Booms vergeben wurden, nach dem Volumen dieser Kredite und nach der Verlässlichkeit der offiziellen Statistiken.

Chinas Kreditsystem sei eine „gigantische Black Box“, sagt Stephen Green von der Bank Standard Chartered in Hongkong. Patrick Convanec von der US-Vermögensverwaltung Silvercrest sieht Chinas Konjunktur angetrieben von explodierenden Krediten, die gigantische Projekte finanzieren und so die Konjunkturstatistiken aufblähen. Für Hedge-Fonds-Manager Jim Chanos ist China „auf dem Weg in die Hölle“, die Wirtschaft hänge am „Rauschgift der Immobilienspekulation“.

Im Zentrum der Sorgen steht das enorme Kreditwachstum, mit dem China in den vergangenen Jahren die Folgen der globalen Finanzkrise abgefedert hat. Doch niemand weiß genau, wie viele Kredite überhaupt vergeben wurden. Zum Gesamtkreditbestand „gibt es unterschiedliche Schätzungen“, so die Commerzbank. Aber schon die offiziellen Zahlen der Zentralbank in Peking sind bemerkenswert: So erreicht inzwischen die gesamte Verschuldung der Wirtschaft ohne Zentralstaat („total social financing“) das Doppelte der Wirtschaftsleistung – 2007 waren es noch 127 Prozent.

Im unregulierten Bereich blüht das Schattenbankensystem, wo Finanzierungen außerhalb des Bankensektors vergeben werden. Zum Beispiel Kredite zwischen Unternehmen (Entrusted Loans), die zum Teil auch von Banken garantiert werden (Bankakzepte). All diese Kredite sind Spekulationen auf wachsende Gewinne, wachsende Wirtschaftsleistung, steigende Immobilienpreise. Doch was geschieht, wenn das Wachstum nachlässt oder ausbleibt? Dann werden Kredite faul. Sicher, die Zentralbank könnte dann massiv Geld in die Wirtschaft pumpen, würde damit das Problem aber nicht lösen.

Trotz des noch anhaltenden Aufschwungs scheinen die Investoren skeptisch zu sein. Das zeigt der chinesische Aktienmarkt: Seit dem Jahr 2007 sind die Kurse dort um 60 Prozent gesunken.