Krypto nach FTX-Crash: „Lasst uns ehrlich sein!“

Nach dem Zusammenbruch der Börse FTX will die Branche das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen. Auf der CfC St. Moritz soll ein Anfang gemacht werden. 

Teilnehmer eines Panels der Crypto Finance Conference (CfC) in St. Moritz. 
Teilnehmer eines Panels der Crypto Finance Conference (CfC) in St. Moritz. CfC/Andrea Furger

Die Krypto-Branche hat ein schwieriges Jahr hinter sich: Mit dem Zusammenbruch der Handelsbörse FTX ist die Verunsicherung groß, und zwar innerhalb und außerhalb der Branche. Nach Jahren der sagenhaften Gewinne, die mit einfachen Spekulationen zu erzielen waren, ist nun eine neue Nüchternheit eingekehrt. Dies zeigt sich auch im Vorfeld einer der prestigeträchtigsten Konferenzen, der Crypto Finance Conference (CfC St. Moritz), die in der kommenden Woche in St. Moritz in der Schweiz stattfinden wird. „Die Konferenz wird sicher stark getrieben sein von dem Motto ‚Let’s be honest!‘“, sagte Nicolo Stöhr, der die Konferenz organisiert, der Berliner Zeitung: „Wir müssen wieder Vertrauen aufbauen.“ FTX habe „eher ein klassisches Business-Modell“ gehabt. Die vorliegenden Informationen deuten auf einen „Betrug“ , da „Vermögenswerte nachweislich anderweitig verwendet wurden“. Die entscheidende Frage sei: „Wie kann man so etwas künftig verhindern?“ Stöhr hält es für möglich, dass der FTX-Crash eine reinigende Wirkung für die Branche hat. So kann die neue Vorsicht auch einen Vorteil haben. „Ein Bären-Markt ist dazu da, um etwas aufzubauen“, sagt Stöhr.

Der Schweizer räumt ein, dass die Stimmung bei den Krypto-Geldgebern gemischt sei: „Es gibt Investoren, die jetzt eher Abstand nehmen, und solche, die die Entwicklung als Zyklus sehen.“ Die Vorsichtigen werden bestärkt durch Aussagen von den Zentralbanken, die naturgemäß um ihr Monopol kämpfen. So bezeichnete EZB-Direktor Fabio Panetta unbesicherte Kryptowährungen kürzlich als „Glücksspiel, das als Investment-Asset verkleidet ist“. Auch die US-Behörden sind zunehmend vorsichtig und schauen nun genauer hin. Die Goldgräber-Stimmung ist vorbei. Die Börsenzeitung analysiert: „Eine Regulierung, wie die Krypto-Branche sie sich wünscht – nämlich eine, unter der Digital-Assets-Dienstleister im Kern weiter frei von kleinlichen Bedenken in Bezug auf den Investorenschutz und das Risikomanagement agieren können –, wird es weder in den USA noch in Europa geben.“

Eine vernünftige Regulierung ist auch im Sinn der Branche. Nicolo Stöhr sieht den Ball eindeutig bei den Regulierern: „Wir sprechen seit 2018 bei der Konferenz über Regulierung. In verschiedenen Bereichen hat man sich bewegt, in anderen weniger. Daher nehmen wir das Thema auch immer wieder auf, da sich Diskussionen heute und damals ähneln.“ Stöhr sagt, es sei „wichtig, dass wir bald zu einer sinnvollen Regulierung kommen“. Unternehmen, Kunden und Investoren bräuchten „Leitplanken“. Der Leiter der Konferenz im Engadin sieht vor allem die Amerikaner in der Pflicht: Die SEC habe sich immer noch nicht entschieden, wie sie regulieren will. „Wir sind in einem Vakuum, und das ist ein Problem: Die globalen Regeln orientieren sich meistens an denen der USA und wir müssen jetzt Regeln haben, um die Investoren besser zu schützen“, so Stöhr. Allerdings sei noch völlig offen, wie eine derart disruptive Technologie reguliert werden soll. Stöhr: „Wir müssen diskutieren: Wie reguliert man Krypto nachhaltig? Ist es etwas, das man überhaupt regulieren kann? Und wie reguliert man es global?“

Stöhr findet den Schweizer Weg am „zielführendsten“: „Der ist pragmatisch. Man nimmt ein bestehendes Gesetz, passt es an und ergänzt es für den Krypto-Markt.“ Bei der Regulierung auf europäischer Ebene hat Stöhr Bedenken. Brüssel hat im Herbst 2022 die Verordnung Markets in Crypto Assets (Mica) auf den Weg gebracht, die in den kommenden Monaten implementiert werden dürfte. Die EU habe „mit Mica ein eigenes Gesetz geschrieben, mit hundert Seiten, in dem vieles für die Branche schwierig umzusetzen ist“, so Stöhr.

Stöhr sieht die Gefahr, dass gerade nach dem FTX-Crash und der spektakulären Auslieferung des Gründers Sam Bankman-Fried eine zu strenge Einhegung erfolgt, die die neuen Technologien für Investoren uninteressant machen könnte. „Hoffentlich gibt es keine Überregulierung“, sagt der Schweizer. In China könne man sehen, dass eine zu strenge Regulierung kontraproduktiv sei: „China hat mit dem Social Scoring ein Modell, das ich als Schweizer nicht gut finde. Denn da wird der Mensch gläsern, und genau das wollen wir mit Krypto nicht haben.“

Die CfC will dazu beitragen, dass auf politischer und gesellschaftlicher Ebene das Verständnis für die Krypto-Entwicklungen wächst: „Wir wollen die traditionelle Welt und die Krypto-Welt zusammenbringen“, sagt Stöhr. Die Teilnehmer kommen aus den USA und Europa sowie aus Asien und Afrika. Prominenter Vertreter der Wall Street ist der frühere Pressesprecher von Donald Trump, Anthony Scaramucci, der mit seinem Unternehmen Skybridge eine Vorreiterrolle spielt. Stöhr: „Scaramucci hat in verschiedene Projekte investiert. Er zeigt vor allem, dass man auch als klassischer Investor in Krypto investiert sein kann.“ Besonders interessant dürfte der Auftritt von Changpeng Zhao sein, dem Gründer des weltweit größten Krypto-Marktplatz Binance. Nach dem FTX-Crash gab es eine Art Bank-Run bei Binance. Das Unternehmen scheint die Kapitalabflüsse unterdessen unter Kontrolle bekommen zu haben. Dennoch steht die Erfolgsgeschichte des Marktführers ebenfalls auf dem Prüfstand. Nicolo Stöhr: „Binance fragt sich sicherlich auch: Wie sieht man als zentralistischer Exchange die dezentralisierte Welt?“