New York - Die Wachstumssorgen haben die US-Börsen wieder fest im Griff. Die wichtigsten Aktienindizes weiteten am Donnerstag ihre Vortagesverluste deutlich aus.

Als Belastung erwiesen sich die jüngsten Entscheidungen und Aussagen der Europäischen Zentralbank (EZB). Die hohe Inflation bringt die Notenbanker der Eurozone zum Gegensteuern: So ist das Ende der konjunkturstützenden Netto-Anleihekäufe zum 1. Juli beschlossen, zudem wird es im kommenden Monat erstmals seit elf Jahren eine erste Zinserhöhung geben. Im September könnte ein weiterer Zinsschritt folgen.

Der Leitindex Dow Jones Industrial fiel um 1,94 Prozent auf 32.272,79 Punkte. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 2,38 Prozent auf 4017,82 Punkte nach unten. Der technologielastige Nasdaq 100 büßte 2,74 Prozent auf 12.269,78 Zähler ein.

Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges dämpfen nach Einschätzung der EZB die Konjunkturentwicklung im Euroraum und treiben die Inflation in die Höhe. Anleger an der Wall Street zogen daraus den Schluss, dass auch die US-Notenbank eventuell eine schärfere Gangart einlegen muss, um die in den Vereinigten Staaten ebenfalls starke Teuerung einzudämmen. Entsprechend stieg die Nervosität vor den zum Wochenschluss anstehenden Verbraucherpreisdaten für Mai.

Dass die Europäische Zentralbank zudem auch ihre Inflationsprognosen kräftig anhob, habe die Anleger „auf dem falschen Fuß erwischt“, kommentierte Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. „Mit einer so deutlichen Anpassung nach oben hin haben die wenigsten gerechnet.“ Dies drückte bereits auf die Kurse an Europas Börsen und sorgte laut Altmann für einen „Ausverkauf“ an den Anleihemärkten, wo im Gegenzug die Renditen stiegen.

Bei den US-Einzelaktien fielen die Papiere des chinesischen Internet-Handelsriesen Alibaba nach dem Kursfeuerwerk am Vortag nun um mehr als acht Prozent. Hier verflogen die Hoffnungen auf einen baldigen Börsengang der Alibaba-Beteiligung Ant Group so schnell wie sie gekommen waren. Vorangegangen waren Berichte, wonach die chinesischen Finanzaufseher ihre Blockadehaltung aufgeben könnten. Doch es folgte ein Dementi von Chinas Börsenaufsicht. Noch am Vortag hatten Alibaba-Papiere fast 15 Prozent in der Hoffnung zugelegt, Pekings regulatorischer Würgegriff könnte sich lockern.

Auch Aktien anderer in New York gelisteter chinesischer Tech-Firmen litten unter der Aussicht auf anhaltenden Regulierungsdruck und sackten ab. Unter den schwächsten Werten im Nasdaq 100 büßten JD.com 7,6 und Pinduoduo 9,6 Prozent ein.

An der Index-Spitze schnellten die Anteilscheine von NXP Semiconductors um rund vier Prozent in die Höhe. Laut einem asiatischen Tech-Blog plant der Technologiekonzern Samsung eine Übernahme des niederländischen Chipherstellers. Samsung wolle damit vom starken Wachstum des Marktes für Halbleiter für die Automobilindustrie profitieren, hieß es.

Der Euro geriet trotz der jüngsten EZB-Entscheidungen unter Druck und kostete zum Handelsende an der Wall Street 1,0616 US-Dollar. Im Gegensatz zur Wall Street haben am Devisenmarkt wohl einige Marktteilnehmer auf noch mehr Tempo bei der geldpolitischen Straffung im Euroraum spekuliert. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0743 (Mittwoch: 1,0739) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,9308 (0,9312) Euro.

US-Staatsanleihen litten unter dem anhaltenden Zinsauftrieb. Der Terminkontrakt für zehnjährige Treasuries (T-Note-Future) verlor zuletzt 0,19 Prozent auf 117,86 Punkte. Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen stieg auf 3,05 Prozent.