Kurzarbeit bremst Transformation und Innovation in deutschen Unternehmen. Etwa die Hälfte der Firmen mit Kurzarbeit hat Projekte in diesen Bereichen gestoppt oder deutlich verlangsamt. Das sind Ergebnisse einer Umfrage der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). Gleichzeitig ist Kurzarbeit ein wirksames Instrument zur akuten Krisenbewältigung, wie die BCG-Analyse zeigt: Vier von zehn Unternehmen hätten ohne Kurzarbeit Stellen abbauen müssen.

Schätzungsweise 2,4 Millionen Arbeitsplätze konnten damit seit dem ersten Lockdown in Deutschland erhalten bleiben. Für die Analyse wurden Entscheidungsträger aus Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro befragt. Insgesamt beschäftigen diese Firmen mehr als 1,4 Millionen Mitarbeiter. „Kurzarbeit hilft, die akute Krise zu meistern. Zu lange eingesetzt, kann sie jedoch überholte Strukturen festigen und so die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen gefährden“, sagt Dr. Reinhard Messenböck, Leiter des Bereichs Change Management bei BCG.

Die Welt dreht sich weiterDer Autor der Studie, Reinhard Messenböck, sagte der Berliner Zeitung: „Die Veränderungen an den Weltmärkten kommen wegen der Pandemie ja nicht zum Stillstand. Wir werden in den kommenden Jahren mit höherer Geschwindigkeit aufholen müssen, was wir jetzt in den Unternehmen an Innovationen vor uns herschieben.“ Denn viele Unternehmen haben in der Krise vor allem darauf gesetzt, ihre Profitabilitär hochzuhalten – was mit dem eigentlich sinnvollen Mittel der Kurzarbeit gut zu gelingen scheint. Doch für den BCG-Experten ist das durchaus eine zweischneidige Angelegenheit: „Das Medikament, so sehr es kurzfristig hilft, kommt mit starken Nebenwirkungen.“

Fünfmal so viele Kurzarbeiter wie in der Finanzkrise 7,3 Millionen Menschen waren im Mai in Kurzarbeit, das sind fünfmal so viele wie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008/2009. Im Oktober waren es noch 3,3 Millionen bzw. zehn Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die befragten Unternehmen rechnen damit, im Schnitt über einen Zeitraum von einem Jahr das Mittel der Kurzarbeit einsetzen zu müssen.

„Erfolgreiche Unternehmen warten nicht einfach auf die Erholung der Konjunktur, sondern treiben laufende Transformationen voran und gehen strukturelle Probleme konsequent an“, sagt Messenböck. Der Nachholbedarf in Deutschland ist groß. Bereits vor der Krise schätzte nur ein Drittel der Firmen hierzulande die vorhandenen Kompetenzen für die digitale Transformation als ausreichend ein. Im weltweiten Schnitt fühlte sich dagegen bereits die Hälfte der Unternehmen für die Digitalisierung gut aufgestellt. „Es besteht die Gefahr, dass Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurückfällt, wenn sich Transformationsprojekte weiter verzögern und notwendige Personalanpassungen ausbleiben“, so Messenböck.

Vier von zehn Unternehmen sehen Hinweise darauf, dass der Abbau von Personal aufgeschoben wird, obwohl er bereits vor der Coronakrise notwendig war. Im jeweils eigenen Betrieb sehen die Personalverantwortlichen dafür eine um zehn Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit als bei Wettbewerbern.

„In Unternehmen, die vor der Krise bereits Probleme hatten, kann Kurzarbeit dazu führen, dass diese Probleme nach Wegfall des Instruments massiv verstärkt sind, weil notwendige Anpassungen ausbleiben. Deshalb ist es wichtig, jetzt zügig zu agieren und die Weichen für die Zukunft zu stellen“, sagt Messenböck. 55 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass ihre Produktivität unter den Bedingungen der Kurzarbeit abgenommen hat. Wenn Mitarbeiter gar nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind, leidet die Zusammenarbeit in Teams, viele Arbeitsprozesse können nicht störungsfrei laufen. „Flexible Arbeitsmodelle oder gezielte Weiterbildungen können Mitarbeiter selbst in der aktuellen Krisensituation motivieren“, sagt Reinhard Messenböck.

Auch die aktive Involvierung von Mitarbeitern in Transformationen und eine klare Artikulation der Veränderungsgründe können dabei helfen, Mitarbeiter motiviert und produktiv zu halten. „Viele von Kurzarbeit betroffene Mitarbeiter empfinden ihre Situation als belastend“, gibt Messenböck zu bedenken. „Das wirkt sich auf die Unternehmenskultur aus.“ Die BCG-Umfrage zeigt, dass rund die Hälfte der Kurzarbeiter unzufrieden ist und sich gegenüber Kollegen ungerecht behandelt fühlt. „Transparente Entscheidungen und eine gute Kommunikation – etwa regelmäßige Mitarbeitergespräche – helfen Unsicherheiten und Ängste in der Belegschaft abzubauen“, sagt Messenböck. Er empfiehlt zudem, regelmäßig für einzelne Abteilungen zu prüfen, ob und wieweit Kurzarbeit überhaupt noch notwendig sei. „Mitarbeiter können Entscheidungen dann besser nachvollziehen. Letztlich geht es darum, Kurzarbeit fair anzuwenden.“

Besonders in Ostdeutschland sieht man den Folgen des zweiten Lockdowns mit Sorge entgegen: Wegen der Schließung von Gaststätten, Kinos, Fitnessstudios und anderen Einrichtungen im November erwarten die Arbeitsagenturen in Sachsen einen erneuten Anstieg der Kurzarbeit.

Zuvor war die Kurzarbeit nach Zahlen der Regionaldirektion in Chemnitz seit dem Höchststand im April gesunken. Damals war den Angaben zufolge in Sachsen jeder sechste Arbeitnehmer betroffen. Insgesamt gab es fast 34 000 Anträge für knapp 288 000 Beschäftigte im Freistaat. Bis Juli ging die Zahl zurück. (mit dpa)