Gebremste Euphorie: Leere Passagen in der Shopping-Mall Alexa am Alexanderplatz.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinMindestens 20 Quadratmeter für jeden Kunden, maximal 800 Quadratmeter Verkaufsfläche insgesamt – das sind die Koordinaten des Korridors, in dem Berliner Einzelhändler seit Mittwoch wieder ihren Geschäften nachgehen können. Beim regionalen Handelsverband hält sich die Euphorie dennoch in Grenzen.

Für Verbandschef Nils Busch-Petersen sind die erfolgten Lockerungen „ein vernünftiger erster Schritt“, aber weniger, als er erwartet hatte. Die besondere Struktur des hiesigen Einzelhandels mit seinen etwa 70 Shopping-Malls und großen Warenhäusern sei nicht berücksichtigt worden. Vergangene Woche hätte der Senat noch große Erwartungen geweckt. Dem seien dann aber keine Taten gefolgt, so Busch-Petersen.

Die 800-Quadratmeter-Grenze hält Berlins oberster Einzelhandelsverkäufer für „relativ sinnfrei“, weil die Kundendichte in einem großen Möbelhaus sicher geringer wäre als in einem Supermarkt. Große Sorgen bereiten ihm vor allem die Kaufhäuser, insbesondere die von Galeria Karstadt Kaufhof, die sich seit Monatsbeginn in einem Schutzschirmverfahren befinden. Bis Ende Juni bekommen die Mitarbeiter Insolvenzgeld. In Berlin hängen laut Busch-Petersen rund 5000 Jobs an den Kaufhäusern, zusammen mit angeschlossenen Bereichen seien es fast 10.000 Arbeitsplätze.  

Dennoch gibt es unter den meisten Händlern der Stadt ein großes Aufatmen. Nachdem kleine Läden versucht haben, die einnahmefreien Wochen mit Soforthilfen zu überbrücken, und etliche Geschäftsinhaber ihre Mitarbeiter auf Kurzarbeit gesetzt haben, folgt für viele der Neuanfang. Der Ausblick auf das Jahr ist indes eher düster. Wenngleich der Einzelhandel aus dem Shutdown zurückgekehrt, beginne jetzt eine lange Durststrecke, so Busch-Petersen.

Tatsächlich werden die Umsätze im hiesigen Einzelhandel noch einige Zeit weit unter denen der Vor-Corona-Zeit liegen. Allein die fehlenden Touristen werden die Kalkulationen vieler Ladenbetreiber über den Haufen werfen. Auf 20 bis 25 Prozent taxiert der Berliner Handelsverbandschef den Anteil der Berlin-Besucher am hiesigen Einzelhandelsumsatz. Konkret geht es hier um einen Umsatzverlust von bis zu fünf Milliarden Euro. Es wird sich ebenso bemerkbar machen, dass auf absehbare Zeit keine Messen und Kongresse stattfinden. Immerhin zählte Berlin zuletzt den fünf wichtigsten Messe- und Kongress-Standorten der Welt.

Vor allem aber ist im laufenden Jahr mit einem deutlichen Verlust an Kaufkraft zu rechnen. Aktuell sind Schätzungen zufolge wenigstens 200.000 Berliner in Kurzarbeit. Sie verfügen nur noch über 60 bis 67 Prozent ihres Einkommens. Für sehr viele bleibt am Ende so wenig übrig, dass sie Grundsicherung beantragen müssen. Darüber hinaus ist von einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Stadt auszugehen. 20.000 neue Arbeitslose in Berlin werden für möglich gehalten.

„Die Aussichten sind katastrophal“, sagt Busch-Petersen. Für ihn ist mindestens die Hälfte der Berliner Einzelhändler in Existenzgefahr. Damit drohe wenigstens 6000 bis 7000 Geschäften in diesem Jahr die Pleite. Zu den ersten Opfern zählen vor allem die insgesamt mehr als 18.000 Mini-Jobber im Berliner Einzelhandel. Bei der Gewerkschaft Verdi geht man davon aus, dass einem großen Teil von ihnen bereits gekündigt wurde.

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