Berlin - Für Sunny Winter war es ein verspäteter Neujahrsgruß, auf den die Buchhändlerin gern verzichtet hätte. Seit mehr als zehn Jahren verkauft sie in einer Berliner Thalia-Filiale Bücher. Vor wenigen Tagen teilte die Geschäftsführung ihr und ihren Kolleginnen dann per Brief mit, dass die 13 Berliner Thalia-Läden zu Jahresbeginn in andere Gesellschaften überführt worden seien. Winter hatte einen neuen Arbeitgeber, ohne es zu wissen.

Seitdem ist die grundfreundliche Buchhändlerin ziemlich sauer. „Wir wussten, dass wir McKinsey im Haus haben, aber das hat keiner geahnt“, sagt sie. Ohne Vorwarnung seien sie alle vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Und dabei geht es nicht nur um einen neuen Firmennamen. Denn mit dem Übergang von der Thalia Buchhandlung Berlin GmbH zur Thalia Buchhandlung Nord GmbH wird auch der Tarifvertrag gekündigt. „Das ist Tarifflucht“, sagt die Buchhändlerin.

Thomas Sielemann sieht es nicht anders. „Unglaublich“, sagt er. Der 57-Jährige ist als Betriebsratsvorsitzender für die betroffenen Berliner Thalia-Filialen zuständig. Die insgesamt 220 Kolleginnen und Kollegen könnten sich nun einen Monat lang überlegen, ob sie mit in das neue Unternehmen wechseln wollen. Wenn nicht, seien betriebsbedingte Kündigungen laut Sielemann bereits offen angedroht worden.

Tatsächlich haben die Mitarbeiter einiges zu verlieren. Etwa den erstrittenen Anspruch auf zwei freie Sonnabende im Monat, die Zuschläge für Spätdienste oder das Weihnachts- und Urlaubsgeld. Zwar bleiben den Beschäftigten die bislang geltenden Konditionen auch nach dem Übergang noch ein Jahr erhalten. Doch bei künftigen Tarifvereinbarungen im Einzelhandel werden sie leer ausgehen. Ein Einzelfall?

„Leider nicht“, sagt Erika Ritter, Landesfachbereichsleiterin Handel bei der Gewerkschaft Verdi. Nach ihrer Einschätzung werden nur etwa 30 Prozent der Berliner Beschäftigten im Einzelhandel nach Tarif bezahlt und beschäftigt. „Bei den Betrieben sind es nur noch kaum mehr als 15 Prozent“, sagt sie. Und tatsächlich werden es immer weniger. Vor allem in Berlin, wie regelmäßige Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit belegen.

Laut jüngster Analyse waren Ende 2019 bundesweit nur 27 Prozent der Betriebe tarifgebunden, in Berlin sogar nur 19 Prozent. Zugleich arbeitete insgesamt nicht einmal jeder zweite Berliner Beschäftigte in einem tarifgebundenen Betrieb. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren noch 32 Prozent der Betriebe tarifgebunden und zwei Drittel der Berliner Arbeitnehmer wurden nach Tarif bezahlt.

Dabei sind die Unterschiede zwischen den Branchen riesig. Während im Berliner Gesundheits- und Sozialwesen in wenigstens 25 Prozent der Betriebe nach Tarif bezahlt wird, sind es im gesamten Dienstleistungsbereich nur 8 Prozent, noch weniger sind es in der IT- und Kommunikationsbranche.

Was es für die Beschäftigten bedeutet, ob sie nach einem ausgehandelten Tarifvertrag arbeiten oder nicht, wurde bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung untersucht. Malte Lübker ist Experte für Lohn- und Tarifpolitik beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Er sagt: „Wenn Unternehmen Tarifverträge verweigern, bringt das für die Beschäftigten langfristig erhebliche Nachteile mit sich – bei der Arbeitszeit, beim Entgelt und bei zahlreichen anderen Ansprüchen, die in Tarifverträgen geregelt sind.“

Laut seiner Untersuchung wurde im Jahr 2018 in Betrieben ohne Tarifbindung pro Woche fast eine Stunde länger gearbeitet und dabei mehrere Hundert Euro weniger verdient. In Berlin, so Lübker, arbeiteten Vollzeitbeschäftigte in tariflosen Berliner Betrieben im Mittel wöchentlich 46 Minuten länger und verdienten durchschnittlich 7 Prozent weniger als Beschäftigte in ähnlichen Betrieben mit Tarifbindung.

Tatsächlich ist die Frage nach einem Tarifvertrag unmittelbar an die betriebliche Mitbestimmung gebunden. Denn auch die geht seit Jahren zurück. Einerseits wächst nachweisbar der Widerstand der Arbeitgeber, Betriebsratsgründungen werden immer wieder verhindert. Andererseits wandert Beschäftigung durch Strukturwandel immer stärker aus industriellen Großbetrieben in kleinteiligere Strukturen im Dienstleistungssektor, was die Organisation erschwert. Dafür ist Berlin prädestiniert. Von den insgesamt rund 190.000 Unternehmen in der Stadt gehören über 165.000 zum Dienstleistungsbereich. Neun von zehn Betrieben haben weniger als zehn Mitarbeiter.

Bei Thalia wird der Ausstieg aus der Tarifbindung vor allem mit Corona begründet. Die Strukturen des Unternehmens hätten sich als nicht wettbewerbsfähig erwiesen. Nun brauche man „mehr Flexibilität“ und „Luft zum schnelleren Handeln“. Dass ein Tarifvertrag dabei ein Hindernis wäre, weist Malte Lübker von der Hans-Böckler-Stiftung zurück. „Die allermeisten Tarifverträge haben heute Öffnungsklauseln, die Betriebsrat und Unternehmensführung gemeinsam nutzen können, wenn ein Unternehmen in Schieflage gerät“, sagt er.

Dennoch scheint die Corona-Pandemie die Abkehr von der Tarifpartnerschaft zu befeuern. Stirbt der Tarifvertrag also aus? Der Wirtschaftswissenschaftler Steffen Müller, Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, glaubt nicht daran. Die Corona-Krise habe zwar zu mehr Arbeitslosigkeit geführt, aber der Fachkräftemangel werde sich nach Corona nicht in Luft aufgelöst haben, sagt er. „In einem verschärften Wettbewerb um Fachkräfte werden Unternehmen zunehmend um Attraktivität bemüht sein müssen. Sicher werden einige daher auch über einen Eintritt oder die Rückkehr in die Tarifbindung nachdenken.“