Landwirtschafte: Wie Bosch mit dem digitalen Bauernhof Milliarden verdienen will

Berlin - Auf dem Westhof in Schleswig-Holstein soll bald ein Roboter das Unkraut jäten. Auf dem Familienhof werden auf rund 1000 Hektar Möhren, Kohl, Zuckermais und Erbsen angebaut. Alles biologisch, chemische Unkraut-Vernichter werden nicht eingesetzt. Das Jäten ist deswegen extrem wichtig – aber auch körperlich anstrengende Arbeit, die zurzeit von 150 polnischen Saisonarbeitern erledigt wird. „Es wird jedes Jahr schwieriger, Menschen zu finden, die zu der harten Arbeit bereit sind“, sagt Maike Carstens, 33 Jahre alt. Deswegen sollen bald Roboter übernehmen, die die Biobauern zusammen mit einer Universität entwickeln. 

In den vergangenen drei Jahren haben Studenten Hunderte Bilder auf den Feldern gesammelt, in das Computersystem eingespeist und dem Roboter so beigebracht, was Möhre und was Unkraut ist. „Die Erkennung funktioniert, auch eigenständig über das Feld fahren kann er schon“, sagt Carstens. Jetzt muss nur noch getestet werden, wie das Unkraut am effektivsten entfernt wird – rupfen oder auf eine unschädliche Größe stampfen wäre möglich, aber auch die Zerstörung per Laserstrahl ist noch eine Option. Sciencefiction auf dem Bauernhof.

GPS-Traktoren sind längst Standard

Smart Farming oder vernetzte Landwirtschaft heißt der Trend, auf den nicht nur Bauern, sondern vor allem Technik-Produzenten setzen. Grundlegend dafür ist das „Internet der Dinge“ (Internet of Things, abgekürzt: IoT). Der Begriff beschreibt ein System, in dem die reale Welt mit Sensoren oder – wie im Fall des Jät-Roboters – mit 3D-Kameras und Laserscannern vermessen und mit dem Internet verbunden wird. 

Standard sind auf den meisten Höfen schon Traktoren, die mit GPS ausgestattet selbstständig die Reihen entlang fahren. Sensoren messen den Abstand der Erntereihen, halten die Maschine in der Spur, Saatgut wird in passgenauen Dosen auf die Felder gestreut. Nur zum Wenden wird der Landwirt (noch) benötigt, ansonsten kann er sich zurücklehnen. Auf dem Westhof in Schleswig-Holstein bücken sich die Jäte-Arbeiter inzwischen nicht mehr. Sie liegen, in einer Reihe mit sechs Kollegen, auf einem sogenannten Solarflieger. Angetrieben wird das Gerät allein von Sonnenkraft, gesteuert wird es per GPS, Fahrer oder Traktor sind hier nicht mehr nötig.

Geforscht und weiterentwickelt wird aber in allen möglichen Bereichen: Bosch zum Beispiel bietet Frostmelder für europäische Erdbeer- und Spargelbauern an, beobachtet Kuh-Herden in Brasilien mit GPS-Halsbändern, misst Luftfeuchtigkeit und Temperatur in spanischen Oliven- und Weinfeldern und arbeitet in Japan an einem System, das dank spezieller Algorithmen in Gewächshäusern die Wahrscheinlichkeit von Erkrankungen und Schädlingsbefall vorhersagen soll. Der Bauer als IT-Manager, der nur noch in Ausnahmefällen das Büro verlassen muss - so stellen sich die Konzerne die Zukunft vor. Dabei profitieren Unternehmen wie Bosch von ihrer Forschung in anderen Bereichen. Denn oft können in der Landwirtschaft ganz ähnliche Sensoren eingesetzt werden, wie sie in Autos bereits verbaut werden.

Schluss mit Ernteausfällen

Der Grund für das große Interesse der Technik-Hersteller lässt sich in einer Zahl fassen: 240 Milliarden Dollar Umsatzpotential prognostiziert Goldman Sachs für den Bereich Digitaltechnologie in der Landwirtschaft. Zugleich lässt sich die Technik PR-wirksam vermarkten, wie man in der vergangenen Woche auf der hauseigenen Digitalmesse Bosch Connected World in Berlin beobachten konnte: Schluss mit Ernteausfällen soll die Technik machen. Schluss sogar mit Hungersnöten. Schließlich wächst die Weltbevölkerung rasant weiter, die Ackerflächen aber sind begrenzt. „Digitalisierung ist die Lösung“, verspricht ein Bayer-Sprecher auf der Bühne. „We can feed the world“, verheißt die Konkurrenz in Werbevideos.

Man hoffe darauf, einen signifikanten Beitrag zur Welternährung zu liefern, sagt auch Christian Lasarczyk von Bosch. Und das auch in Afrika und Asien. Ob in vielen ländlichen Regionen, sogar in Deutschland, dafür nicht noch der Netzausbau fehle? „Die Systeme sind so einfach und günstig gehalten wie nur möglich“, sagt Lasarczyk. Kunden bräuchten – außer den von Bosch angebotenen Geräten - meist nicht mehr als ein Smartphone. Bei Bosch funktioniert das Prinzip immer ähnlich: In einfache Plastik-Gehäuse verpackte Sensoren sammeln Informationen im Feld und schicken die Daten in die Cloud, dort werden sie verarbeitet und dem Bauern per App direkt aufs Smartphone gespielt.

Die Sensoren werden nämlich nicht verkauft, die Frost-Meldesysteme zum Beispiel können von den Bauern für 300 bis 480 Euro pro Jahr nur angemietet werden. Bosch betreibt und verwaltet auch das Cloud-System, in das die Daten einfließen. Nach eigener Aussage verwendet Bosch die Daten ausschließlich, um „Dienstleistungen für den Landwirt weiter zu verbessern“. Mit Löschung eines Accounts würden auch sämtliche Daten des Landwirts „unwiederbringlich gelöscht“.

Bauernbund spricht von „Propaganda“

Genau hier aber liegt ein zentrales Problem. Denn der Abgabe ihrer Daten stehen viele Bauern kritisch gegenüber. Von „Propaganda“ und einer „Osterhasengeschichte“ spricht zum Beispiel der Bauernbund Brandenburg in Bezug auf die Verheißungen der Digitalisierung. „Die Konzerne wollen an die Bauern ran“, sagt Sprecher Reinhard Jung. „Aber wer die Daten hat, hat ihren Betrieb in der Hand.“

Jung befürchtet einen „gläsernen Bauern“, der bald schon Rechenschaft darüber ablegen muss, wie und warum er wo mit seinem GPS-gesteuerten Gefährt Dünger ausgegeben hat. Oder dem der Trekker abgestellt wird, weil er eine Mietrate nicht gezahlt hat. Auch Produktivitätssteigerung und relevante Arbeitserleichterung brächten die neuen Systeme nicht, der Bauer müsse zum Beispiel bei den GPS-gesteuerten Traktoren ja immer noch obenauf sitzen.

Maike Carstens hingegen sieht Vorteile in ihrem Betrieb. Durch die Digitalisierung sei eine höhere Taktung möglich, die Felder könnten so gleichmäßiger bewirtschaftet werden. Aber auch sie sagt: „Datenschutz ist immer ein Thema dabei. Man kann schlecht einschätzen, ob die Daten irgendwann missbraucht werden.“ Noch aber ist Carstens entspannt. „Zurzeit sehe ich keine konkrete Gefahr.“