Grünheide östlich von Berlin wird Standort der nächsten Tesla Gigafactory.
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BerlinWer Karten des künftigen Tesla-Standorts in Grünheide östlich von Berlin anschaut, kann die Linie leicht übersehen. Sie teilt das Grundstück des Elektroautoherstellers in zwei ungleiche Teile. Der graue Strich bezeichnet die Eisenbahnstrecke, die das Gewerbegebiet von Freienbrink mit dem übrigen Schienennetz verbindet – und es Tesla ermöglichen würde,  Logistik umweltfreundlich abzuwickeln. „Die Strecke könnte sofort genutzt werden. Wir stehen bereit“, sagt Gerhard Curth, der Chef der kleinen Bahn.

Ein ungewöhnliches Unternehmen ist Eigentümer der rund  3,5 Kilometer langen eingleisigen Bahnlinie, die im Wald kurz vor Fangschleuse von der Trasse von Berlin nach Frankfurt (Oder) abzweigt. Es handelt sich um die Deutsche Regionaleisenbahn, kurz DRE, aus Berlin-Charlottenburg, zu deren Geschäftsführung Curth zählt. „Uns gehören 60 Strecken in Deutschland“, sagt er.

Mit der bundeseigenen Deutschen Bahn hat sie nichts zu tun, der private Trassenbetreiber wurde 1993 vom späteren Deutschen Bahnkunden-Verband gegründet. Die Fahrgastvertreter setzen sich dafür ein, dass stilllegungsgefährdete Nebenstrecken erhalten bleiben, und die DRE setzt dieses Ziel in die Realität um. Auch in Brandenburg: Hier nennt die DRE drei Schienentrassen ihr eigen.

Postraub und zurückgelassene Trabis aus Ungarn

Die Strecke nach Freienbrink hat eine interessante Geschichte. Gebaut wurde sie zu DDR-Zeiten, als im Forst unweit des Berliner Rings ein Sperrgebiet abgegrenzt wurde – mit Wachtürmen und Stacheldrahtzaun. Hier wurden Pakete der Bundespost, die irrtümlich in der DDR landeten, geöffnet – Postraub von ganz oben. Andere Mitarbeiter der Staatssicherheit befassten sich mit dem Eigentumvon Menschen, die den Staat verlassen hatten. „Zuletzt trafen hier Güterzüge mit Autos ein, die Flüchtlinge zum Beispiel in der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgelassen hatten“, erzählt Curth.

Züge sind auf dem Gleis ins Güterverkehrszentrum Freienbrink seit dem vergangenen Jahr nicht mehr gefahren. Zum vorerst letzten Mal gab es am 21. Februar 2019 eine Fahrt von der Ladestraße. Doch die Infrastruktur ist da, und sie ist in Ordnung, betont der DRE-Chef.

1997 bekam die DRE von der Landesentwicklungsgesellschaft Brandenburg den Auftrag, das damals kaum noch genutzte Gleis wiederzubeleben, mit einer Rangierlok und mit örtlichen Mitarbeitern. „Über die Ladestraße wurden dann sporadische Transporte abgewickelt“, erinnert sich Curth. Als die Autobahn saniert wurde, kamen dort Brückenteile an. Auch Elemente einer Gaspipeline kamen per Zug. Der Betrieb dauerte bis 2000, hieß es.

2005 erwarb die DRE die Strecke Nummer 0207, und gehört damit ihr auch das Flurstück, auf dem das Gleis das Tesla-Gelände teilt. Von einem „Pfahl im Fleisch“ will keiner reden – eher von den Möglichkeiten, die der Schienenweg dem US-Unternehmen bietet.  Die Strecke sei für einen konkurrenzfähigen Güterverkehr ausgelegt, betont Curth.

Plötzlich ist die DB wieder interessiert

Seit 2006 ist die DRE Betreiber der Trasse, die nicht als Anschlussbahn, sondern als öffentliche Bahnstrecke eingestuft wird. Zuglängen von bis zu 600 Meter sind möglich, sagt der DRE-Chef. Zudem sei die Trasse  für größere Lasten von bis zu 21 Tonnen pro Radsatz zugelassen. Vielleicht wären sogar 22,5 Tonnen möglich, so Curth, der sich auf die bahninternen Streckenklassen CM3 und D4 bezieht. „Schließlich gibt es keine Brückenbauwerke.“ Die Gleislage ließe 40 Kilometer pro Stunde zu, zuletzt wurde aber Tempo 25 gefahren – auch deshalb, weil die Bahnübergänge derzeit nicht mit Schranken oder Blinklicht gesichert sind.

Doch hat Tesla überhaupt Interesse an Bahntransporten? Wie berichtet hat der frühere Bahn-Manager Hans Leister in einem Gutachten für die Brandenburger Linken-Fraktion festgestellt, dass der Schienenverkehr für den Elektroautoproduzenten offenbar keine Rolle spielt. So seien die Gleise zum Stammwerk Fremont gekappt.

Für den Standort Grünheide haben Gerhard Curth und seine Mitstreiter allerdings andere Signale bekommen. Der DRE-Chef: „Wir haben erfahren, dass die Bahn für Tesla interessant ist“ – etwa für Materialtransporte aus Polen und den Transport von Autos zur Schiffsverladung nach Bremerhaven. Lagepläne sehen eine Logistikfläche vor, die sich in den Bogen der DRE-Strecke schmiegt.

Zwar sei die Trasse derzeit nur aus Richtung Berlin ohne Umspannen der Lok erreichbar. Doch die Investitionen für direkte Fahrten aus Richtung Osten wären überschaubar, so Curth. Nötig wären eine Weiche und eine rund 450 Meter lange Verbindungskurve, außerdem müsste Sicherungstechnik angepasst werden. Die DB hatte bisher kein Interesse an der Strecke nach Freienbrink. Doch das hat sich dank Tesla geändert, sagen Insider. Auch das Bundesunternehmen hat ein Konzept für die Elektroauto-Fabrik vorgelegt: Dazu gehört eine eigene Strecke, die noch zu bauen wäre. Es wäre aber nicht einfach, die DRE aus dem Rennen zu werfen. Eine Enteignung wäre nicht möglich, hieß es. Es handele sich um öffentliche Infrastruktur.