Lausitzer Kohlearbeiter: Klimaprotest in Lützerath „lässt Beobachter zurückschrecken“

Die Ausschreitungen der Klimaaktivisten in Lützerath finden in der Lausitz kein Echo. Die Fachleute vom Verein „Pro Lausitzer Braunkohle“ wünschen sich eine friedliche Lösung.

Kohle-Gegner und Polizisten an der Abbruchkante des Braunkohletagebaus Garzweiler II
Kohle-Gegner und Polizisten an der Abbruchkante des Braunkohletagebaus Garzweiler IIFederico Gambarini/dpa

Das verlassene nordrhein-westfälische Dorf Lützerath ist für Robert Habeck „das falsche Symbol“ für die Klimaproteste. Selbst der Grünen-Wirtschaftsminister verteidigt die Räumung des Dorfes durch den Energiekonzern RWE. Schon ab März oder April soll es laut RWE mit dem genehmigten Kohleabbau losgehen.

Doch die zum Teil gewaltsamen Demonstrationen gehen trotz Festnahmen und harter Gegenreaktionen der Polizei weiter. Wie lange noch und wie sollen sie enden? Die Bürgerbewegung „Pro Lausitz – Pro Lausitzer Braunkohle“ aus Cottbus, die Interessen der Kohlearbeiter in der Region vertritt, befürchtet noch mehr Spaltung der Gesellschaft und tritt für eine gemeinsame Lösung ein. Über das Mitglied Sebastian Lachmann (37), einen Industriekaufmann aus einer Bergbau- und Kraftwerksfamilie in der Lausitz, leitet der Verein an die Berliner Zeitung einen Kommentar zu Ereignissen in Lützerath. Das ist der komplette Text:

„Beides verurteilen wir schwer“

Der Klimaprotest in Lützerath skizziert eine weitere traurige Sequenz von gewaltvollen und nicht friedfertigen Demonstrationen. Es ist genau das Bild, welches die Beobachter zurückschrecken lässt und ihnen kommuniziert, das ein Miteinander eher in weite Ferne rückt.

Hier bekommen wir, von außen blickend, eher den Eindruck einer Ohnmacht mit. Mit allen Mitteln besetzen die Klimaaktivisten nicht nur ein Dorf, sondern versuchen auch unter Druck, den anderen eine Ultima Ratio aufzuzwingen. Beides verurteilen wir schwer.

Denn Gewalt kann und darf in einer Demokratie nicht das Mittel der Wahl sein. Da hilft es auch nicht, dass sich Bilder aus dem Lausitzer Revier, wie automatisch, wieder aufrufen. Egal ob beim Einmarsch von „Ende Gelände“ in der Lausitz 2016 oder der furchtbaren Auseinandersetzung im Hambacher Forst 2018: Kommt es zu derart eskalierenden Situationen, werden die Leute, die einer Energiewende sonst positiv entgegenblicken, ihre Ohren schließen und eine abneigende Haltung dazu einnehmen.

Dabei zeigt gerade die Lausitz, dass es auch anders gehen kann. Ausgehend von technischen Grundlagen für den Strukturwandel, wie Netzausbau, Ausbau der regenerativen Energien und die richtige Entwicklung von Speichertechnologien, lassen sich mit Klimaaktivisten und -schützern auch Gemeinsamkeiten finden. Bei uns in der Lausitz heißt das vor allem: Mit den Menschen, statt gegen sie. Mit den Kohlekumpels, die generationenlang für die Energieversorgung Deutschlands malocht haben, mit den Industriekaufleuten, für die künftigen Generationen, die hier leben.

Im Dialog miteinander sind auch die sozialen Komponenten ein wichtiges Thema. Ob die Qualifizierung für neue, zukunftssichere Jobs, der Ausbau des ÖPNV, inklusive der Gleisinfrastruktur, die Realisierung einer großindustriellen Verwendung von Wasserstofftechnologien oder die wertschöpfende Kreislaufherstellung vom Rohstoff zur fertigen Autobatterie: Im Zusammenhang mit der Innovationsachse Berlin–Cottbus–Breslau sind das brennende und klare Themen, welche die Menschen an eine Energiewende und einen gerechten Strukturwandel glauben und mitwirken lassen.

Ein einmaliger Science-Campus und eine neue Unimedizin unterstützen diesen Lausitzer Weg enorm, hier gibt es für jeden und jede eine gute Chance auf eine Selbstverwirklichung, welche zukunftsweisend ist und den gemeinsamen Anstrengungen hilft.

„Klimaschutz fängt mit dem Verständnis der Menschen an“

Gerade hier ist es wichtig, die persönlichen Perspektiven mit den Menschen zusammen aufzuzeigen und zu erörtern. Auch die Klimaaktivisten und -schützer könnten hier eine wichtige Vermittlungsrolle zwischen den Menschen in der Region und der Politik übernehmen, sich für das Miteinander einsetzen, statt den anderen ein Ultimatum zu setzen.

Klimaschutz fängt mit dem Vertrauen und dem Verständnis der Menschen an. Erreicht man sie auf nachvollziehbare Weise und gibt ihnen den Raum der Mitgestaltung, dann gelingt es uns, aus der Skizze eine greifbare Perspektive zu realisieren. Nur so haben wir auch eine Chance, Vorbild zu sein und eine Blaupause für die Welt vorzuleben.

Damit dies gelingt, ist es ungemein wichtig, dass alle Seiten, RWE bzw. die Politik und die Aktivisten verbindliche Zusagen treffen, welche sie auch einhalten. Das gilt sowohl für den Inhalt als auch für die zeitliche Schiene. Dass dies im rheinischen Revier aufgrund der besseren infrastrukturellen Aufstellung und der stärker zusammenhängenden Wirtschaftsräume leichter fällt als der eher zersiedelten Lausitz, dürfte sich leicht erschließen.

So kämpfen wir an gemeinsamen Zielen und haben noch eine längere Wegstrecke als Lausitz zurückzulegen, die sich auch nicht an einer einfachen Jahreszahl messen lässt. Auch die zur Verfügung stehenden Mittel, für die starken Firmen der Region, sind ein ausschlaggebender Wegpunkt. Kann eine Firma wie RWE doch einen schnelleren Ausstieg verkraften, weil sie sich durch ihre finanziellen Mittel auf neue Geschäftsfelder mehr fokussieren kann, so gelingt es uns in der Lausitz nicht so schnell. Hier ein gemeinsames Bundesmaß zu fordern, ist ein wenig wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen, so einfach lassen sich lokale Unterschiede nicht bewerten.

Trotzdem gibt es eine gute Möglichkeit für einen gemeinsamen Weg. Die Motivation dazu entsteht nicht im Handumdrehen, sondern ist ein wohlwollendes Aufeinanderzugehen. So würde ich es mir für das rheinische Revier ebenfalls wünschen: Mit- statt gegeneinander.

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