Lebensmittel: Im Land der Billigheimer

Berlin - Wenn es um Essen und Trinken geht, werden die Deutschen zu Schnäppchenjägern. Ein  Kilo Hackfleisch oder ein Pfund Kaffee für vier Euro, eine  Kiste Bier für  acht, ein Brot für weniger als zwei Euro: Die heimischen Handelsketten  wissen genau, wie sie das Publikum in die Filialen locken  können. 

Seit vielen Jahren bereits tobt ein gnadenloser Preiskampf in der Lebensmittelbranche. Um den Kunden billige Waren anbieten zu können, nutzen Supermärkte und Discounter ihre Marktmacht, um ihrerseits gegenüber  den Lieferanten die Einkaufspreise  zu drücken. Häufig schon ist dieser Zustand beklagt und beschrieben  worden. Am grundsätzlichen Befund ändert sich nichts: Lebensmittel werden in Deutschland verramscht – mit erheblichen Folgen für Produzenten, Umwelt und Arbeitsbedingungen in Herstellung und Einzelhandel. Und zwar nicht nur hier, sondern auch in anderen Winkeln der Welt.

Müller gegen Verschleudern von Lebensmitteln

Nun hat auch die Bundesregierung das Gebaren der Händler und ihrer Kunden scharf kritisiert. „Die Mentalität ,Geiz ist geil’ halte ich für fatal“, sagte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Lebensmittel seien in Deutschland unterbewertet, sie würden verschleudert und von den Handelskonzernen als Lockmittel eingesetzt. „Die Verbraucher müssen sich darüber klar werden, dass gerade bei Lebensmitteln am Anfang eines Produkts immer ein Mensch, ein Landwirt steht.“

Mit der Landwirtschaft kennt sich Müller aus. Das Thema ist  in der Entwicklungshilfe von besonderer Bedeutung. Bevor er selbst Minister wurde, war der CSU-Politiker viele Jahre lang Staatssekretär im Agrarressort. Er beklagt auch, dass immer weniger Menschen kochen können und wenig über die Weiterverarbeitung von Lebensmitteln bekannt ist. „Ich bin daher für Ernährungslehre als Pflichtfach an der Schule.“

Internationale Vergleiche zeigen in der Tat, dass die Deutschen in der Summe nicht bereit sind, viel Geld für gute Lebensmittel auszugeben.  Durch den intensiven Wettbewerb der Handelsketten und der Discounter haben sie sich zudem an niedrige Preise gewöhnt.

Autos statt Lebensmittel

So gab laut den jüngsten verfügbaren Daten des Statistischen Bundesamts der durchschnittliche deutsche Haushalt im Jahr 2012 nur rund zehn Prozent seines Budgets für Nahrungsmittel aus. Zum Vergleich: In Frankreich waren es 12,5 Prozent, in Italien 13,5 Prozent und in Spanien 13,2 Prozent. Das Thema Kochen, Essen und Trinken hat hier zu Lande  eine geringere kulturelle Bedeutung als anderswo.

Dafür stecken die Deutschen überdurchschnittlich viel Geld in den Erwerb und den Unterhalt ihrer Autos. Es gibt Verbraucher, die beim Lebensmittelkauf im Discounter auf jeden Cent achten, an der Tankstelle aber nur die teuersten Spritsorten, Schmierstoffe und Waschprogramme für ihr Fahrzeug wählen.

Gleichwohl gibt es gegenläufige Trends. Der Siegeszug der Bio-Lebensmittel macht deutlich, dass viele Kunden den Billigwahn satt haben. Und selbst Discounter versuchen inzwischen, wählerische Konsumenten mit Premium-Angeboten zu gewinnen. Nur macht das aus einem Volk von Sparfüchsen  noch lange keines der Genießer.