Im Hafen von Amsterdam ist die Welt zu Hause. Schiffe aus aller Herren Länder liegen fest vertäut in den riesigen Becken, die Namen tragen wie Bosporushaven, Suezhaven oder Amerikahaven. Emsige Arbeiter bringen weitgereiste Waren an Land und beladen die Schiffe neu. Zollbeamte prüfen die Frachtpapiere.

Nicht nur Öl, Chemikalien und Baustoffe werden in der bekanntesten Stadt der Niederlande umgeschlagen, auch Lebensmittel. Legale und manchmal illegale. Vor zwei Jahren flog hier ein Betrug mit gepanschtem Champagner auf. Es war einfache Logik, die den Betrügern das Handwerk legte: Champagner wird im Nordosten Frankreichs angebaut. Es macht wenig Sinn, die Flaschen statt auf dem Landweg über das Meer nach Amsterdam zu verschicken. Die Razzia bestätigte die Theorie: Die Ermittler beschlagnahmten Tausende Flaschen.

Während sich kriminelle Banden in der Vergangenheit vor allem mit Waffenschieberei, Drogenschmuggel oder Menschenhandel zu bereichern versuchten, haben sie ihre Aktivitäten immer mehr in den Bereich der Konsumgüter ausgebreitet: Elektroartikel, Turnschuhe, Medikamente und nun immer häufiger auch Lebensmittel und Getränke. Die internationalen Polizeibehörden Interpol und Europol beschäftigen sich inzwischen verstärkt mit illegalen und minderwertigen Waren im Bereich der Ernährung.

"Das ist Big Business"

„Das ist Big Business, in dem sich viel Geld verdienen lässt“, sagt ein Europol-Ermittler dieser Zeitung. „Die hohe Zahl der gefälschten und minderwertigen Lebensmittel, die wir beschlagnahmt haben, ist besorgniserregend.“ Nach Erkenntnissen der deutschen und ausländischen Behörden sind sowohl kriminelle Organisationen in dem Geschäft aktiv, die mit den Erlöse andere kriminelle Machenschaften wie Drogen- oder Menschenhandel finanzieren, als auch Einzeltäter.

Noch wissen die Behörden wenig über die Strukturen und die Dimension des Geschäfts mit illegalen Lebensmitteln, über Herstellungsorte, Umschlagplätze und Transportwege. Klar ist, dass es Betrug sowohl innerhalb der EU gibt als auch bei Importen aus den Vereinigten Staaten oder asiatischen Ländern. In den vergangenen zwei Jahren haben nationale und internationale Polizeibehörden, Zollämter und Lebensmittelkontrolleure die Ermittlungen deshalb verstärkt.

Mit den von Interpol und Europol koordinierten Operationen Opson I und Opson II gelangen den Ermittlern erste Schläge. Im Dezember 2011 und 2012 haben sie jeweils in wenigen Tagen mehrere Hundert Tonnen illegale oder minderwertige Lebensmittel sichergestellt. Die Ermittler fanden Kaffee, Wein, Orangensaft, Suppenwürfel, Kaviar, Fisch und Meeresfrüchte, Tee, Käse, Olivenöl, Tomatensoße, Sojasoße, Spirituosen, Champagner und Süßigkeiten. Und das in nicht geringen Mengen. 77 Tonnen gefälschter Käse und 13000 Flaschen minderwertiges Olivenöl gingen den Ermittlern ins Netz.

Die Ermittlungen und Razzien fanden in Flughäfen, Schiffhäfen, Läden, auf Märkten und in Privatwohnungen statt. In einem Vorort von Marid flog ein Kaviarfälscherring auf. Ermittler der Guardia Civil fanden aus China importierten Billigkaviar, den die Fälscher zu hochwertigem iranischen Kaviar umdeklariert hatten.

"Ein neues Phänomen"

Der Handel mit minderwertigen und verbotenen Nahrungsmitteln ist noch nicht lange auf dem Vormarsch, wenngleich es ihn schon immer gegeben hat. „Das ist ein ziemlich neues Phänomen“, sagt ein Europol Ermittler. „Es ist erst vor ein paar Jahren aufgetaucht.“

Der sehr kleinteilige europäische Lebensmittelmarkt ist anfällig für Betrug. Insgesamt beschäftigen Landwirtschaft, Zwischenhändler, die Ernährungsindustrie und der Einzelhandel in Europa 24 Millionen Menschen in 15 Millionen Betrieben. In Deutschland sind rund 160.000 Produkte auf dem Markt. Es gibt unzählige Einfallstore für Betrug. Die Verarbeitungsschritte sind zahlreich und die Transportwegen lang. Doch alle Beteiligten und Produkte zu jeder Zeit zu kontrollieren, ist für die Behörden unmöglich. Das macht diesen billionenschweren Markt für Betrüger attraktiv.

Sie bringen eigentlich unverkäufliche Nahrungsmittel zu vergleichsweise günstigen Preisen in den Markt oder verkaufen minderwertige Ware falsch deklariert zu hohen Preisen. Egal, wie die Kriminellen es drehen, am Ende sacken sie die Preisdifferenz ein. Beispiele dafür gibt es genug, nicht nur die aktuellen Skandale um Pferdefleisch und Eier werfen ein Schlaglicht auf die kriminellen Geschäfte.

Als 1997 wegen des Ausbruchs der Rinderseuche BSE der Export des Fleisches aus Großbritannien in die EU verboten wurde, schleusten kriminelle Händler die Ware auf den Kontinent, zum Teil schon zur Wurst verarbeitet. Das eigentlich wertlose Fleisch hatten sie den Produzenten für umgerechnet 70 Cent je Kilo abgekauft und für zwei Euro weiterverkauft.

Das gleiche geschah mit asiatischem Geflügelfleisch. Als vor einigen Jahren eine Importsperre für die Europäische Union verhängt wurde, schmuggelten Banden, die sich sonst im Kokain-Handel betätigen, die Ware in die EU. Ermittler des Zollkriminalamts deckten den Fall auf. Auch deutsche Fleischhändler flogen schon auf, weil sie massenhaft verdorbenes, abgelaufenes und umetikettiertes Fleisch in Umlauf gebracht hatten. Der Gammelfleisch-Skandal dürfte vielen Menschen in schlechter Erinnerung geblieben sein. Vor vier Jahren wurde zudem der Fall einer niedersächsischen Fleischerei bekannt, die ungenießbaren Kehlkopfknorpel von Schweinen zu einem Wurstvorprodukt verarbeitet und nach Italien verkauft hatte.

Billige Äpfel, gepanschter Wein

Doch Betrug gibt es nicht nur im größten Bereich der europäischen Ernährungsindustrie, in der Fleischwirtschaft. Auch anderswo sind Betrüger unterwegs. In Belgien tauchten Äpfel einer billigen Sorte auf, die als teure Pink Lady verkauft wurden. Die sizilianische Mafia half mit bei der Vermarktung von gepanschtem Wein. Und 2011 flog auf, dass italienische Fälscher 700000 Tonnen konventionelles Mehl, Soja und Trockenfrüchte zu Bio-Produkten umdeklariert und zu den höheren Bio-Preisen verkauft hatten.

Der Lebensmittelhandel ist für Betrüger ein günstiges Betätigungsfeld. Er ist groß und er lässt sich schlecht überwachen. In verarbeiteten Produkten lassen sich die einzelnen Komponenten nur noch mit Analysen unter dem Mikroskop oder mit chemischen Verfahren identifizieren. Die Geschmacksnerven der Verbraucher lassen sich mit der Beimischung von Aromen zu minderwertiger Ware täuschen.

Die zuletzt stark steigenden Lebensmittelpreise und die Forderung der Handelsketten und Verbraucher nach möglichst billigen Lebensmitteln befördern das Geschäft der Kriminellen noch, weil sie vermehrt Abnehmer für ihre günstigere, aber minderwertige Ware finden – sei en es die Verbraucher, der Handel oder Industriekunden.

"Kein Respekt vor dem Verbraucher"

Die Rohstoffe machen in der Lebensmittelindustrie etwa 40 Prozent der Herstellungskosten aus. Fast die ganze Branche versucht deshalb, teure Zutaten durch günstigere zu ersetzen – und dem Verbraucher gleichzeitig ein hochwertiges Produkt vorzugaukeln. Psychologisch ist der Schritt vermutlich nicht mehr weit vom Analog-Käse, Klebeschinken oder künstlich rot gehaltenem, nicht mehr frischem Fleisch zur Beimischung verdorbener Ware.

Die 2400 chronisch überlasteten deutschen Lebensmittelkontrolleure können nur stichprobenartig prüfen. Sie überwachen vor allem, ob die Unternehmen ordentlich kontrollieren. Das Prinzip der Unternehmerverantwortung gilt in ganz Europa. Wer Ware zur Weiterverarbeitung annimmt, muss sie einer Eingangskontrolle unterziehen. Schlampt ein Hersteller und wird dabei ertappt, können ihn die Behörden zur Verantwortung ziehen. Im Prinzip aber gilt, dass sich das System selber kontrolliert. Im Pferdefleisch-Skandal hat es erst sehr spät funktioniert. Und es stellt sich zumindest die Frage, in wie vielen Fällen illegale Machenschaften bislang überhaupt nicht aufgeflogen sind.

Die Gesundheit der Verbraucher sehen die Ermittler von Europol durch gefälschte und minderwertige Lebensmittel gefährdet. „Kriminelle, die nur an ihrem Profit interessiert sind, haben keinen Respekt vor dem Verbraucher“, so die Behörde. „Gefälschte und minderwertige Lebensmittel und Getränke werden häufig außerhalb jeder Regulation und Hygiene-Kontrolle produziert, transportiert und gelagert.“

Wie oft solche Produkte in Supermärkte und Discounter gelangen, wissen die Behörden nicht. Für Verbraucher, die auf den Wochenmarkt schwören, haben die Ermittler aber eine schlechte Nachricht: Dort werde oft gefälschte, minderwertige Ware in Umlauf gebracht.