Statt 100 Prozent Rind befand sich plötzlich Pferd in der Lasagne. Zehntausende Lebensmittel mussten deshalb in den vergangenen Tagen in Großbritannien und Frankreich aus den Regalen genommen werden. Darunter auch welche von Aldi Großbritannien. Nun wurden erste Strafanzeigen eingereicht.

Minister erwartet mehr schlechte Nachrichten

Der britische Umweltminister Owen Paterson warnt die Bevölkerung, sich im Laufe der Woche auf „weitere schlechte Nachrichten“ einzustellen. Das Ministerium vermutet, dass eine „internationale kriminelle Verschwörung“ hinter dem Lebensmittelskandal steckt. Auch deutsche Behörden und Lebensmittelhändler haben ihre Wachsamkeit erhöht und Produkte vorsichtshalber aus den Regalen geräumt. (siehe nebenstehender Text).

Die britische Lebensmittelaufsicht lässt nun in einer Großaktion landesweit Fertiggerichte wie Pies, Burger, Fleischklopse und Bolognese-Soßen auf Pferdefleischspuren untersuchen. Einbezogen in die Tests sind auch Hersteller, die Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten beliefern. Der Tiefkühlkonzern Findus UK hatte die Behörden vergangene Woche informiert, dass sich in seinem Lasagne-Produkt Pferdefleisch befand. Neben anderen Händlern hat auch das britische Aldi-Unternehmen zwei Gerichte, Spaghetti-Bolognese und Lasagne aus den Regalen verbannt, deren Fleisch zu dreißig und hundert Prozent aus Pferd bestand. In Frankreich haben inzwischen sechs Supermarktketten Findus-Gerichte aussortiert.

Die britische Lebensmittelaufsicht zeigt mit spitzem Finger auf Frankreich. Wenn europäische Konsumenten zu Tausenden Lasagne mit Pferdefleisch verzehrt hätten, das als „pur boeuf“ deklariert war, als reines Rind, seien dort die Schuldigen zu suchen. Und so verworren die Wege auch waren, auf denen Pferdefleisch aus rumänischen Schlachthöfen als „reines Rind“ in tiefgekühlte Fertiggerichte gelangt ist: Die entscheidenden Weichen wurden in der Tat in Frankreich gestellt.

Rumänische Zulieferer

Als Importeur sowie Hersteller der von Findus und Aldi auf den Markt gebrachten pferdefleischhaltigen Tiefkühlgerichte zeichnen französische Firmen verantwortlich. Da ist zunächst der Importeur Spanghero. Das Unternehmen aus dem südfranzösischen Castelnaudary hatte das am vergangenen Donnerstag von britischen Lebensmittelkontrolleuren zwischen Lasagneteigplatten entdeckte Pferdefleisch von einem zypriotischen Zwischenhändler erworben, eingeführt und weiterverkauft. Abnehmer war der in Metz ansässige Tiefkühlkosthersteller Comigel, der wiederum seine Luxemburger Filiale beauftragte, das Fleisch zur Herstellung von Fertiggerichten zu verwenden, die Comigel anschließend an Findus veräußerte.

Während weitgehend geklärt ist, wie das Pferdefleisch zum ahnungslosen Verbraucher gelangen konnte, ist die Schuldfrage noch offen. Sowohl Spanghero als auch Comigel versichern, das Pferdefleisch in aller Arglosigkeit für Rindfleisch gehalten und als solches weitergereicht zu haben. „Wir sind die Opfer gewesen, das Problem liegt weder bei Comigel noch bei Findus“, beteuerte Comigel-Chef Erick Lehagre.

Untersuchung in Schlachthöfen

Die Schuld wird in Rumänien gesucht, wo das Fleisch herkommen soll. Das Landwirtschaftsministerium in Bukarest hat am Wochenende Untersuchungen in zwei Schlachthöfen angeordnet; doch der rumänische Ministerpräsident Victor Ponta schob die Schuld am Montag nach Frankreich zurück. Er glaubt nicht an die Arglosigkeit der französischen Importeure.

Sowohl die faserige, sehnige Konsistenz als auch die Farbe unterschieden Pferde- von Rindfleisch, versichern Fachleute. Comigel hätte also erkennen können, um was für Fleisch es sich handelt. Gleichwohl hat das Unternehmen, genauso wie Spanghero, am Montag Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. „Die französische Lebensmittelkontrolle hat nicht funktioniert, sind es doch die Briten gewesen, die Alarm geschlagen haben“, stellte Olivier Andrault vom französischen Verbraucherverband „UFC – Que choisir“ fest. Die Überwachung ist in der Tat lückenhaft. Während Tierärzte alles inspizieren, was Frankreichs Schlachthöfe verlässt und Importware am Bestimmungsort untersuchen, wird verarbeitetes Fleisch allenfalls stichprobenartig kontrolliert. „Der Staat kann nicht hinter jedes Hacksteak einen Aufpasser stellen“, meint Déborah Infante vom „Verband der tierärztlichen Lebensmittelkontrolleure“. Dass verarbeitete Ware anders als Frischfleisch keinen Hinweis auf das Herkunftsland braucht, mache die Aufsicht nicht einfacher.