Berlin - Um bei der Bewertung der Situation auf dem hiesigen Ausbildungsmarkt in Zeiten der Pandemie doch noch irgendetwas Positives anführen zu können, musste Beatrice Kramm lange suchen. Aber schließlich wurde die Präsidentin der Berliner Industrie und Handelskammer (IHK) fündig. Im vergangenen Jahr seien so wenige Ausbildungsverträge aufgelöst worden wie seit Jahren nicht. „Wir hatten ein Fünf-Jahres-Tief“, sagt Kramm, was die Situation dann doch recht treffend beschreibt. Denn was man hat, das hat man. Was man bekommt, das weiß man nicht.

Denn obwohl laut IHK im vergangenen Jahr die meisten Berliner Firmen weiter ihren Berufsnachwuchs ausbildeten, mussten viele Unternehmen das Ausbildungsangebot kürzen. Insgesamt ging das Lehrstellenangebot um 13,2 Prozent zurück. Vor allem in der Hotellerie, der Gastronomie oder der Veranstaltungsbranche zeigt sich die Dramatik. Wer dort nicht weiß, ob sein Unternehmen die nächsten Monate übersteht, denkt selten an den Berufsnachwuchs für die nächsten Jahre. Oftmals machten Schließungen die Ausbildung wenigstens schwierig, oft unmöglich.

So lag etwa die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik im vergangenen Jahr in Berlin um 49 Prozent unter der des Vorjahres. In der Hotellerie ging die Ausbildung um 43, in der Gastronomie um 42 Prozent zurück. Andererseits entschieden sich mehr junge Menschen für den Beruf des Eisenbahners, des IT-System-Elektronikers oder Mediengestalters. Dort wurden deutlich mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen. Im Einzelhandel, so heißt es bei der Industrie- und Handelskammer, hätten auch viele Aushilfskräfte eine Ausbildung begonnen. Unter dem Strich bleibt aber ein Minus. Um 17,4 Prozent ging die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2020 gegenüber 2019 zurück.

Wenngleich die IHK darauf verweist, dass auch die Zahl der nicht besetzten Ausbildungsstellen um 25 Prozent zunahm, weil sich Jugendliche vermehrt für eine weiterführende Schule oder ein Studium entschieden hätten, fehlt es in Berlin tatsächlich an Lehrstellen. Laut Bundesagentur für Arbeit waren zu Beginn des aktuellen Ausbildungsjahres im vorigen Herbst in der Stadt fast 2300 Ausbildungsplätze weniger gemeldet worden als 2019. Und auch das ist für Experten nur der coronabedingte Tiefpunkt einer längeren Entwicklung.

Denn Lehrstellen waren in Berlin schon immer knapp. Einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit zufolge kommen im Bundesdurchschnitt 112 Ausbildungsstellen auf 100 Bewerber. In Berlin sind es in Berlin dagegen nur 79. Ein Manko, dessen Folgen sich übrigens direkt auch an der Jugendarbeitslosigkeit in der Stadt ablesen lassen. Denn während die Arbeitslosenquote unter 15- bis 19-Jährigen im Januar in Berlin bei 12,7 Prozent lag, betrug die Jugendarbeitslosigkeit bundesweit nur 3,5 Prozent. Aber auch dieses Problem hat Corona nur verschärft. Im Januar 2019 lag die  Arbeitslosenquote unter jungen Berlinern bei 9,9 Prozent, über 11 Prozent waren es ein Jahr zuvor.

Arbeitsmarktforscher benennen die Gründe für die überdurchschnittlich hohe Jugendarbeitslosigkeit in Berlin seit Jahren. Es seien schlechte oder sogar fehlende Schulabschlüsse sowie die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Jugendlichen. Bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund habe die duale Ausbildung zudem häufig kein besonders hohes Ansehen. Und: Es mangelt an Lehrstellen in der Stadt.

Darüber hinaus erschwert es die Pandemie, die vorhandenen Stellen nachhaltig zu besetzen. In Zeiten von Distanzunterreicht findet Berufsorientierung an Schulen quasi nicht statt. Ausbildungsmessen gibt es bestenfalls digital und sie haben sich in dieser Form bislang als wenig effektiv erwiesen. Berufsjugendagenturen müssen zweifelsfrei aktiver werden, aber auch die Unternehmen. IHK-Präsidentin Kramm wünscht sich mehr unkonventionelle Wege und Ideen. „Wir müssen alle Jugendlichen erreichen“, sagt sie. Der nächste Abschlussjahrgang stehe bereits kurz vor dem Start ins Berufsleben. Er dürfe dem Ausbildungsjahr 2021/22 nicht verloren gehen. Für das Jahr 2022 wird der Mangel an Facharbeitern in Berlin von der IHK übrigens auf 73.000 beziffert.