Wiesbaden - Carbon ist der Hoffnungsträger der Auto- und Flugzeugbauer. Denn der neue Werkstoff ist leichter als Stahl, aber mindestens ebenso stabil. Je weniger ein Auto oder ein Jet wiegt, desto geringer ist der Verbrauch an Treibstoff. Das vergrößert natürlich die Chance, das Endprodukt zu verkaufen. Und damit steigt die Begehrlichkeit der Industrie nach Carbon.

Eines der wenigen Unternehmen, das diesen Werkstoff herstellt, hat die Anleger nun aber enttäuscht. Die Wiesbadener SGL Carbon bestätigte zwar das Umsatzziel, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Weltkonjunktur noch deutlich anzieht. Die Aktie gab daraufhin nach und gehörte zu den Verlierern im MDax.

Ende Juli hatte das Unternehmen die Gewinnprognose fürs laufende Jahr kassiert. Statt Wachstum sei allenfalls Stagnation zu erwarten, hieß es. Grund: Ausgerechnet im Zukunftsbereich Carbonfaser war der Verlust im ersten Halbjahr höher als erwartet. Das habe die positive Entwicklung in den anderen Geschäftsbereichen aufgezehrt.

Wie kann das sein, wo doch Autobauer wie BMW und VW nach dem Wunderstoff förmlich lechzen und sich deshalb bei dem Wiesbadener Konzern einkauften? SGL-Chef Robert Koehler erklärt den höheren Verlust mit der schwierigen Lage bei den Herstellern von Windanlagen. Die nutzen Carbonfasern zur Fertigung von Rotorblättern.

Die Branche halte sich aber derzeit mit Investitionen zurück, sagt ein Sprecher. Zum einen weil sie Probleme bei der Finanzierung neuer Projekte hätten, zum anderen weil es bei der Ausgestaltung der Energiewende noch zu viele offene Fragen gebe. Deshalb würden geplante Projekte verschoben. Auch bei der zweiten großen Abnehmergruppe von Carbon, der zivilen und militärischen Luftfahrt, stockt der Absatz. Weil es bei Projekten wie dem Bau der Boeing 787 oder dem Kampfjet Joint Strike Fighter technische Verzögerungen in der Zulieferkette gebe, lahme auch die Nachfrage nach dem leichten Material. Zwei Drittel des Umsatzes mit Carbonfasern kamen im vergangenen Jahr aus der Luftfahrtindustrie.

Schwelle zur Serienfertigung

Trotz der unerfreulichen Lage gibt man sich in Wiesbaden optimistisch. Die langfristigen Potenziale für dieses Materialsegment seien nach wie vor beträchtlich, sagt Koehler. Denn trotz der Flaute laufe das Geschäft mit den Autobauern ungebrochen gut. Die hätten derzeit nur einen Umsatzanteil bei der Carbonfasersparte von fünf Prozent. Deshalb sei da noch viel Luft drin.

Die Verarbeitung des neuen Werkstoffs ist schwierig und kostspielig. Noch ist es nicht gelungen, den Preis für Carbonteile im Fahrzeugbau durch industrielle Massenfertigung auf ein wettbewerbsfähiges Niveau im Vergleich zu Stahl oder Aluminium zu drücken. Doch dieser Schritt soll bald gemacht sein.

„Wir stehen an der technischen Schwelle zur Serienfertigung“, sagt der SGL-Sprecher. Zusammen mit BMW haben die Wiesbadener ein Joint Venture gegründet. Die beiden Partner haben im US-Bundesstaat Washington bei Moses Lake ein Faserwerk errichtet, das den Rohstoff für künftige BMW-Carbonautos liefern soll. Zunächst sollen Teile für den Elektrowagen i3 und den Hybridsportflitzer i8 in Serie aus Carbon hergestellt werden.

Gerade für Elektrofahrzeuge sei die Gewichtsersparnis besonders wichtig, sagt ein BMW-Sprecher. Etwaige Mehrkosten ließen sich hier über geringere Batteriekosten kompensieren, ohne dass sich die Reichweite verschlechtert. Durch das Joint Venture sichere sich BMW auch langfristig den Zugang zu diesem innovativen Schlüsselwerkstoff.

Auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer glaubt an der Werkstoff der Zukunft. Er schätzt, dass es noch vor dem Jahr 2020 möglich sein wird, Carbon in großer Serie in Autos zu verbauen. „Keiner der großen Autobauer wird es sich leisten können, dieses Thema links liegen zu können.“