Leitartikel: Tiefgekühltes Unbehagen

Was ist gegen den Verzehr von Pferdefleisch einzuwenden? Im Prinzip nichts. Wer Rind-, Kalb- und Schweinefleisch isst, wird es schwer haben, ethische Gründe gegen den Verzehr von Pferdefleisch anzuführen. Gesundheitliche Schäden sind, sofern es sich nicht um das mit Arzneimittelrückständen belastete Fleisch ehemaliger Sportpferde handelt, nicht zu befürchten. Tatsächlich ist das Fleisch von Pferden fettarm und reich an Mineralstoffen, also gesünder als manch anderes, vertrautes Fleischgericht. Freunde des Rheinischen Sauerbratens schwören darauf.

Als Nahrungsmittel durchgesetzt hat sich das Pferdefleisch dennoch nicht. Der derzeit durch Europa galoppierende Pferdefleisch-Skandal offenbart vielmehr ein manifestes Unbehagen an der Verarbeitung dieses vielgeliebten Tieres zu Wurst- und Fleischwaren. In Großbritannien jedenfalls löste der Fund von Pferdefleisch in Tiefkühlgerichten, die falsch etikettiert waren, und eigentlich Rindfleisch enthalten sollten, einen Aufruhr aus, dessen Ausmaß inzwischen an die BSE-Krise gemahnt.

Importstopp für Fleisch vom Kontinent

Das britische Unterhaus debattierte am Dienstag den zweiten Tag in Folge über den „horsemeat-scandal“. Gefordert wird ein Importstopp für Fleisch vom Kontinent, der den britischen EU-Gegnern ohnehin als Hort krimineller Machenschaften gilt. Großbritanniens Landwirtschaftsminister Owen Paterson witterte eine internationale Verschwörung. Er flog am Mittwoch nach Brüssel, um seine EU-Kollegen einzuvernehmen.

Denn dass dem britischen Verbraucher ein Pferd für eine Kuh vorgemacht wurde, galt Patterson eben noch als perfider Akt einer europaweit agierenden kontinentalen Fleischmafia. Die Spur führte von Luxemburg über Frankreich, Zypern und Rumänien in die Niederlande und überwand von dort aus den Ärmelkanal nach Irland und Großbritannien. „Dead animals on InterRail“ schrieb die Times treffend.

Inzwischen aber ist Großbritannien nicht mehr nur Opfer des Skandals, sondern auch Täter. Razzien in zwei Schlachthöfen in Wales und Yorkshire offenbarten, dass auch britisches Pferdefleisch zu Burgern verarbeitet und als Rindfleisch ausgegeben wurde. Nach Funden in Frankreich und Schweden erreichte der Skandal am Mittwoch schließlich Deutschland.

Es gibt also reichlich Grund zu Aufregung. Der Skandal allerdings besteht – dieses Mal – nicht in einer unmittelbaren Gesundheitsgefährdung, sondern darin, dass die Verbraucher zum Narren gehalten werden. Es stand allerhand auf der Verpackung der inkriminierten Tiefkühl-Lasagne, etwa, dass sie keine künstlichen Aromen oder Farbstoffe enthalte, nur was sie denn an Ingredienzien enthielt, darüber wurden die Käufer getäuscht.

Die Täuschung wiederum geht weit über eine falsche Etikettierung hinaus. Es ist nachgerade absurd, dass ein Tiefkühlgericht als Billigprodukt im Discounterregal landet, dessen Zutaten zuvor einen Weg durch ganz Europa genommen haben. Selbstverständlich haben Verbraucher einen Anspruch darauf, dass Lebensmittel Kontrollen durchlaufen und wahrheitsgemäß ausgezeichnet werden. Nur wer soll diese lückenlosen Kontrollen garantieren, wenn das Produkt in der Lieferkette fünf Stationen in fünf europäischen Ländern durchläuft und schließlich für einen Euro fünfzig verkauft werden soll?

Selbstverständlich ist zwar von den Herstellern zu fordern, dass sie Pferdefleisch nicht als Rindfleisch ausgeben. Die Erfahrung allerdings lehrt, dass die kriminelle Energie mit der in diesem Fällen vorgegangen wird, nicht einmal vor der Umetikettierung bereits verdorbener Ware haltmacht.

Die politische Forderung, die diesem Skandal folgen muss, kann deshalb nicht allein sein, Lebensmittel noch strenger zu kontrollieren und sie mit noch detaillierteren Informationen für die Verbraucher zu versehen. Derlei versteht sich von selbst. Zu fordern wäre vielmehr, die Konsumenten nicht länger für dumm zu verkaufen. Ein vielfach subventioniertes System, das es ermöglicht, Lebensmittel grundsätzlich preisgünstiger anzubieten, die tausende Kilometer entfernt produziert wurden, kann nicht höchsten Qualitätsstandards genügen.

Tiefkühl-Lasagne aus dem Lebensmittel-Discounter ist minderwertige Ware – fast immer. Den Vergleich mit einer aus frischen Produkten selbst hergestellten Lasagne kann sie nicht bestehen.

Die Verbraucher wissen oder ahnen das längst. Anders ließe sich die steigende Nachfrage nach Bioprodukten kaum erklären. Sie ahnen auch, dass der Preiskampf einer Fleischindustrie mit ungebremsten Expansionswillen zu ihren Lasten geht. Das Unbehagen, dass viele beim Verzehr von Fleisch befällt, ist nur Ausdruck dieser Ahnung.