Natürlich ist es eine Nachricht, dass weltweit 21 bis 32 Billionen Dollar vom Fiskus unbehelligt in sogenannten Steueroasen schlummern (wir berichteten). Aber was folgt daraus? Selbstverständlich verdient auch die Mitteilung jedes Interesse, dass den Staaten dadurch Jahr für Jahr angeblich bis zu 280 Milliarden Dollar Einkommensteuer entgehen, also 0,875 Prozent des gebunkerten Vermögens.

Aber was ist die Konsequenz? Auch der Hinweis, bei den 130.000 Steuerflüchtigen aus mehr als 170 Staaten – von derzeit 193 –, deren Namen jetzt bekanntgeworden sind, handele es sich zu einem großen Teil um Oligarchen, Waffenhändler, korrupte Politiker und Kreditbetrüger, darf Aufmerksamkeit verlangen.

Das bestätigt immerhin die Erwartung, dass erstens Kriminalität im Allgemeinen und die Steuerhinterziehung im Besonderen sich weltweit größter Popularität erfreuen und dass zweitens mittlere Angestellte, Sozialhilfeempfänger, Briefträger und Taxifahrer in aller Regel keine schwarzen Konten auf den Cook-Inseln oder in Luxemburg führen.

Es wäre naiv, sich von den Namen und den Zahlen all zu sehr beeindrucken zu lassen. Natürlich ist die Steuerhinterziehung ein gemeingefährliches – und immer gefährlicher werdendes – Übel, das mit allen Kräften bekämpft werden muss. Doch sind die staatlichen Kräfte nicht nur bemerkenswert bescheiden – an ihrer weiteren Schwächung wird sogar unbeirrt gearbeitet. Einerseits hat sich in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Steuerberater um 30 Prozent erhöht, die der Steueranwälte sogar um 60 Prozent.

Finanzämter sind geschwächt

Andererseits haben die Bundesländer in den vergangenen zehn Jahren in den Finanzämtern fünf Prozent der Stellen abgebaut, bis 2020 sollen noch einmal 10 bis 20 Prozent der Stellen wegfallen. Schon vor ein paar Jahren hat die Deutsche Steuergewerkschaft gewarnt, wegen fehlender Steuerfahnder entgingen dem deutschen Staat Jahr für Jahr rund 30 Milliarden Euro. Ein Aufschrei war weder in der Politik noch in den Medien zu hören.

Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass selbst ein hochgerüstetes Heer – inklusive Kavallerie – von Steuerfahndern den Kampf gegen die Steuervermeidung unweigerlich verlieren müsste. Denn ihre Gegner sind gerade keine landesüblichen Ganoven, die beim Bruch der Steuergesetze Kopf und Kragen riskieren, sondern hoch qualifizierte Experten, die sich nicht auf ihre kriminelle Energie verlassen, sondern auf die Gesetze berufen.

Ihr Ziel ist nicht die Steuerersparnis, sondern möglichst die komplette Steuervermeidung ihrer Klienten – vollkommen legal, denn auch die systematische Nutzung von Schlupflöchern in den Gesetzen ist legal. Zwar handelt es sich im wesentlichen nur um vier international tätige Steuerkanzleien – KPMG, Pricewaterhouse Coopers, Deloitte, Ernst&Young –, doch arbeiten für sie fast 700.000 Experten und erwirtschaften – nach Recherchen des Stern – pro Jahr 100 Milliarden Dollar.

Sie sind mit nichts anderem beschäftigt als mit der Suche nach Lücken in Steuergesetzen und der Konstruktion von Steuersparmodellen, die ebenso effektiv wie für Finanzbeamte undurchdringlich sind. Google, ein Kunde von Ernst&Young, ist damit jüngst in die Schlagzeilen geraten.

Die Steuervermeidungsindustrie boomt

Das Modell funktioniert seit Jahren folgendermaßen: Das Unternehmen lässt in Europa alle Geschäfte über Google Irland laufen. Den Hauptanteil der Einnahmen fordert jedoch eine Firma namens Google in den Niederlanden als Lizenzgebühr. Doch auch die Niederländer müssen Lizenzgebühren zahlen – an eine weitere Google-Tochter in Irland. Diese wiederum hat einen noch Firmensitz auf den Bermudas. Dort gibt es keine Unternehmenssteuern.

Alles ist legal – und doch nichts anderes als Missbrauch. Alle Beteiligten – die internationalen Steuersparfirmen ebenso wie ihre Kundschaft, beispielsweise auch Starbucks, Apple, Amazon, Vodafone und Coca-Cola – gelten als honorig, doch zusammen haben sie in den vergangenen Jahren eine gewaltige Steuervermeidungsindustrie aufgezogen, die den Staaten das Fürchten lehren müsste.

Aber nicht jeder fürchtet sich. Zwar haben die USA in den vergangenen Jahren in ihrem Kampf gegen Steuerflucht und Schwarzgeldkonten, für Transparenz und gelockertes Bankgeheimnis viel von sich reden gemacht und damit unter anderem die Steueroase Schweiz partiell verwüstet, aber es ist allgemein bekannt, dass kaum ein Land die Privatsphäre ausländischer Bankkunden wirksamer schützt als die Vereinigten Staaten. Allein in Florida lagern derzeit 100 Milliarden Dollar von ausländischen Kunden.

Wird aber der Kampf gegen die Steuerhinterziehung so geführt, ist er nichts anderes als ein Konkurrenzkampf um das größte Stück vom Kuchen.