Lichtkonzern : Osram geht in die Landwirtschaft

München - Den Geschmack einer Paprika beeinflussen – einzig mittels Licht. Je nachdem, mit welchem Lichtspektrum Pflanzen bestrahlt werden, ändere sich ihr Geschmack, erklärt Timo Bongartz, Innovationsmanager beim Münchener Lichtkonzern Osram. Rein mittels Licht lasse sich zum Beispiel Paprika süß oder scharf machen und das ohne Gentechnik oder Pestizide. „Wir ändern nicht die Pflanze, wir ändern ihre Umgebung“, sagt Bongartz. Genauer gesagt, das Licht, dem sie ausgesetzt ist. Bongartz sitzt zusammen mit Stefan Kampmann, einem früheren Bosch-Manager und seit einem Jahr Osram-Technologiechef, in der intern „Leuchtturm“ genannten Konzernzentrale.

Auf dem Tisch liegt ein streichholzschachtelgroßes Gerät, daneben steht ein geschirrspülgroßer Pflanzschrank, in dem Grünzeug wächst. Das soll die Osram-Zukunft sein – teilweise und hoffentlich.

Vom Land in die Stadt

„Das sind neue Anwendungen für Licht“, erklärt Kampmann. Das unscheinbare Gerät auf dem Tisch ist ein Stück Hightech, ein miniaturisiertes Infrarotspektrometer. Damit lassen sich Medikamente per sekundenschnelle auf ihre Inhaltsstoffe testen und so wirkungslose Fälschungen aufspüren. Die Technologie eignet sich auch zur Analyse von Lebensmitteln auf Frische, Kalorien oder Nährstoffgehalt, was zum Pflanzschrank führt. Der ist ein Stück Vertical Farming, also eine Technologie, die den Anbau von Obst und Gemüse vom Land in die Stadt holen will. Spektrometer und Pflanzschrank gemein ist, dass der Kern der dort verwendeten Lichttechnologie von Osram und dem Start-up Agrilution stammt, an dem sich der Konzern beteiligt hat.

„Licht gibt Geschmack“, sagt Bongartz und öffnet den Pflanzschrank. Auf zwei Etagen sind dort von Kunstlicht bestrahlte Minibeete für Anisbasilikum, exotische Senfblätter oder Radieschenblätter angebaut, die so intensiv wie die Knolle schmecken. Der Anbau im Pflanzschrank verbraucht 90 Prozent weniger Wasser als auf dem Feld, sagt der Osram-Innovator. Das im Schrank verwendete Wasser sei garantiert keimfrei, wofür spezielles Osram-Licht sorgt. Man kann dort zu jeder Jahreszeit im Schnitt binnen 21 Tagen ernten, was es sonst nur saisonal oder nur selten im normalen Handel gibt. Pflanzpads für Gewürze und Gemüse kommen per Post. Das jeweilige Lichtrezept für die ideale Bestrahlung holt sich der Pflanzschrank online aus der Cloud. Das ist aber nur eine Anwendungsvariante des innerstädtischen Pflanzens mittels Kunstlicht.

In Berlin hat mit Good Bank das nach eigenen Angaben weltweit erste „Vertical-farm-to-table-restaurant“ eröffnet. Dort werden Salate und Gemüse vor den Augen der Gäste gleich hinter der Theke angebaut – bestrahlt von Osram-Technik. Weitere Restaurant-Projekte dieser Art seien in Arbeit, verrät Bongartz. Es gehe auch noch eine Nummer größer etwa bei einer Edeka-Filiale ebenfalls in Berlin. Dort werden Lebensmittelpflanzen im Supermarkt gezogen. Aber auch damit endet die Skalierbarkeit nicht, betont Kampmann. Seine Vision sind Erdbeerfarmen in aufgegebenen Innenstadt-Parkhäusern und Ähnliches. „Bis zur Hälfte der frischen Lebensmittel übersteht den Transport nicht“, sagt er und verweist auf einen ökologischen Vorteil des Vertical Farming. Lieferketten werden extrem kurz, digitale Landwirtschaft vollzieht sich nicht mehr zwangsweise auf dem Land.

Weitere Anwendungsfelder

Der Osram-Vorstand räumt ein, dass auch er nicht weiß, welche Ausprägung der nahezu beliebig skalierbaren Pflanztechnik einmal zum Renner wird. „Aber egal, welches Segment fliegt, wir liefern die Komponenten, um das Licht zu steuern und zu regeln“, betont er. Die neue Lichttechnik soll im Idealfall auch die Abhängigkeit Osrams von der Autoindustrie verringern. Jeder zweite Euro Umsatz stammt heute von Kfz-Beleuchtung und Sensoren für zunehmend automatisiertes Fahren. Neue Anwendungen wie selbstleuchtende Kleidung, allerlei Sensoren für Handys, Leuchtsysteme für Bühnenshows oder Komponenten für 3D-Brillen und natürlich künstliches Pflanzlicht sollen das ändern. „Lichtrezepte werden ein wesentliches Know-how in der digitalen Landwirtschaft sein“, betont Bongartz.

Aus 3,8 Milliarden Euro Jahresumsatz sollen so 2020 fünf Milliarden Euro werden. Den operativen Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen soll das zudem von 600 Millionen auf eine Milliarde Euro hieven. Osram setzt dabei auf Eigenentwicklungen ebenso wie auf Zukäufe oder Beteiligungen an vielversprechenden Start-up-Firmen, sagt Kampmann. „Osram ist die Optoelektronik-Firma, ein Unternehmen, das Photonen emittiert und mittels Elektronik Dinge in unserer Umwelt erfasst“, beschreibt er die neue Welt des Lichts, die mit der traditionellen nicht mehr viel gemeinsam hat.