LNG-Experte: „Gas-Deal mit Katar zeigt die ganze Absurdität des deutschen Moralismus“

Die Politik wollte die WM in Katar boykottieren – nun lässt Wirtschaftsminister Habeck ab 2026 katarisches Flüssigerdgas nach Deutschland liefern. Passt das zusammen?

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (l.) und Katars Energieminister Saad Scharida al-Kaabi treffen sich in Doha zu einem Gespräch. Deutschland sucht neue Gaslieferanten. 
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (l.) und Katars Energieminister Saad Scharida al-Kaabi treffen sich in Doha zu einem Gespräch. Deutschland sucht neue Gaslieferanten. dpa/Bernd von Jutrczenka

Die Nachricht, dass Katar ab 2026 doch Flüssigerdgas nach Deutschland liefern wird, ist an Ironie kaum zu überbieten. Wochenlang wird die öffentliche Debatte hierzulande dominiert durch die Frage, ob man die WM in Katar wegen der miserablen Lage der Menschenrechte dort überhaupt noch gucken will, muss, darf.

Auch Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck nannte das Turnier eine „bekloppte Idee“, die „eigentlich nicht anders als durch Korruption erklärt werden kann“. Die Kritik an Katar war zwar berechtigt, aber wurde sie ab einem gewissen Punkt nicht auch zu moralisierend? Der Eindruck entstand: Mit solch einem schrecklich rückständigen Land macht man lieber keine Geschäfte, oder?

Nun begrüßt Habeck das 15-jährige Abkommen, nach dem der katarische Staatskonzern Qatar Energy jährlich zwei Millionen Tonnen Flüssiggas nach Deutschland liefern soll. Von einem „großartigen Verhältnis mit der deutschen Regierung“ berichtet der Energieminister Saad Scharida al-Kaabi auf der Pressekonferenz in Doha. Was soll das?

„Kann sein, dass Gas dann nicht nach Deutschland geliefert wird“

„Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn man neue, langfristige Quellen erschließt“, kommentiert Gabor Beyer, Unternehmer und Spezialist im Bereich LNG, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Deutschland baut LNG-Terminals, will sie in Betrieb nehmen, also braucht man natürlich auch LNG dafür.“ So viel werden die Katarer auch nicht liefern, verweist der Experte. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht jährlich rund 95 Milliarden Kubikmeter Gas. Zwei Millionen Tonnen machen ungefähr drei Milliarden Kubikmeter Gas und letztlich nur circa drei Prozent vom deutschen Jahresverbrauch aus. Trotzdem ist es grundsätzlich richtig, auch auf Energiesicherheit zu fokussieren, sei es für die Erzeugung von Strom und Wärme oder für die deutsche Industrie.

„15 Jahre vereinbarte Lieferzeit bedeuten auch nicht zwingend, dass Deutschland 15 Jahre lang Gas abnehmen muss“, berichtet Beyer. Es könnte auch sein, dass Gas die ersten zehn Jahre zu einem konkret festgelegten Ort in Deutschland geliefert werde und dann nicht mehr zu diesem Ort und nicht mehr nach Deutschland. In der Tat wird Katar nach eigenen Worten LNG nicht an ein deutsches Unternehmen, sondern an den US-Konzern ConocoPhillips verkaufen, das es weiter nach Brunsbüttel in Schleswig-Holstein liefern will. Beyer würde den Katar-Vertrag jedoch nicht mit dem kanadischen Deal vergleichen, der doch nicht zustande gekommen ist. Denn Katar hat längst die eigene Infrastruktur, und die Kanadier wollten speziell für Deutschland ein LNG-Exportterminal bauen und daher noch viel länger laufende Verträge.

„Entweder bin ich ein sehr großer Moralist oder …“

Das ändert allerdings nicht den eigentlichen Witz an der Sache. „Es zeigt die ganze Absurdität des deutschen Moralismus“, sagt Beyer. „Wenn wir weiter nur von unseren moralischen Standards ausgehen und diese predigen, haben wir bald gar keine Freunde mehr, die unseren Standards genügen. Wir haben uns gerade so über Katar aufgeregt – zu Recht oder auch nicht – und als Nächstes schließen wir einen langfristigen Vertrag ab. Es gilt scheinbar immer noch der brechtsche Spruch: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

Wenn man sich nicht von anderen Ländern abhängig machen wolle, dann müsse Deutschland eigenes Gas produzieren, wie die USA es vorgemacht haben. „Entweder bin ich Moralist, beiße in den sauren Apfel und entwickle mein eigenes Gas und mache mich dadurch unabhängig(er), oder ich akzeptiere, dass ich kein eigenes Gas und kein Fracking fördern will. Dann kann ich es mir aber nicht leisten, immer jedem zu erzählen, was sie alles falsch machen und wie ihre Moral nicht stimmt.“

Eine dritte Frage hätten Gabor Beyer und seine Kollegen in der Gasbranche gerne längst geklärt bekommen, nämlich: Wenn die Bundesregierung absehbar aus fossilen Brennstoffen aussteigen will, wann soll dieses Aus stattfinden? „Wenn wir einen Vertrag für 15 Jahre ab 2026 abschließen, ist damit doch völlig klar, dass wir aus fossilen Brennstoffen nicht 2030 oder 2035 aussteigen, was unsere Energiepolitik anstrebt“, sagt Beyer. „Wir sehen hier womöglich die erste grüne Bastion wackeln.“