Mehr als 3,2 Millionen Lastwagen sind allein in Deutschland zugelassen.  
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BerlinMit Bier und Brause fing es an. Julius Köhler kann sich noch sehr gut an den ersten größeren Auftrag erinnern. Es ging um einen  Getränketransport von München nach Stuttgart. Damals hatte die junge Firma Sennder ihr Büro in einer Garage an der Skalitzer Straße in Kreuzberg. Das war 2017. Inzwischen belegt das von Köhler mitgegründete Unternehmen drei Etagen eines Bürohauses in Tiergarten und benötigt schon wieder mehr Platz. Gerade erst hat das Start-up die Übernahme eines französischen Konkurrenten unter Dach und Fach gebracht. Die genaue Kaufsumme will der 31-jährige Köhler nicht nennen. Er spricht von einem „zweistelligen Millionenbetrag“.

Sennder, 2015 von drei Mittzwanzigern geschaffen, die sich während eines Praktikums bei der Unternehmensberatung Roland Berger kennengelernt hatten, gehört zu den Shootingstars der Logistikbranche. Es sind Start-ups, die sich als digitale Speditionen verstehen und das traditionelle Gütertransportgeschäft revolutionieren und nachhaltig verändern wollen. Nach dem Prinzip Uber bringen sie Angebot und Nachfrage mit ein paar Klicks oder allein per App zusammen. Und sie haben zweifelsfrei das nötige Selbstbewusstsein, um sich auf einen Milliarden-Markt zu wagen: „Wir sehen uns auf einer Stufe mit Kühne & Nagel oder DB Schenker“, sagt Sennder-Co-Chef Köhler.

Tatsächlich ist auch in der weltweiten Truck-Logistik längst der Startschuss zum Wettlauf um die umfassende Digitalisierung gefallen. Alle fünf Tage entsteht irgendwo auf der Welt eine neue Online-Spedition, um gegen eine traditionell gewachsene Branche anzutreten, in der laut Schätzungen der Strategieberatung Oliver Wyman noch immer etwa 80 Prozent der Prozesse zwischen Auftragsannahme und Warenübergabe weitgehend analog abgewickelt werden.

Digitale Speditionen haben die Abläufe indessen nahezu komplett automatisiert und vermitteln Aufträge binnen weniger Minuten an Fuhrunternehmer, ohne auch nur eine Email verschickt oder ein Telefonat geführt zu haben. Dabei weiß der Auftraggeber jederzeit, wo sich seine Ware befindet. Dem Fuhrunternehmer helfen die Algorithmen der Digital-Speditionen Leerkilometer zu vermeiden. Die Spedition verdient an der Vermittlung.

Die Sennder-Chefs und -Gründer Nicolaus Schefenacker, David Nothacker und Julius Köhler (v.l.).

Foto:  Sennder

Die Berliner Firma Sennder arbeitet mittlerweile europaweit mit 3500 Fuhrunternehmen zusammen, hat damit Zugriff auf 10.000 Trucks  und vermittelt monatlich etwa 35.000 Touren. In der Corona-Krise habe Sennder sogar noch profitieren können, weil man schneller als andere ins Homeoffice wechseln konnte, sagt Köhler. „Wir mussten uns nicht neu erfinden.“ Sogar die Übernahme des französischen Unternehmens Everoad haben die Berliner per Videokonferenz zum Abschluss gebracht.

Es ist ein Straßenkampf der besonderen Art um Fracht und Kilometer. Allein in Deutschland werden jährlich mehr als drei Milliarden Tonnen Güter per Lkw transportiert und dabei mehr als 30 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Tatsächlich ist die Logistikbranche hierzulande der drittgrößte Arbeitgeber nach der Autosparte und dem Handel. Der Branchenverband spricht von 2,3 Millionen Beschäftigten. Aber Deutschland ist nur ein Teil des Geschäfts.

Dass die Digitalisierung die gesamte Transportbranche schon in den nächsten fünf Jahren dramatisch  verändern wird, davon ist Max-Alexander Borreck fest überzeugt. Der Logistikexperte bei der Strategieberatung Oliver Wyman hat untersucht, wie viel Kapital in den vergangenen Jahren von Investoren in Logistik-Start-ups gepumpt wurde und schließt daraus auf eine sich „dramatisch beschleunigende Entwicklung“.

Allein 2019 ist die Finanzierungssumme laut Borreck weltweit um 18 Prozent gestiegen und hat den Rekordwert von 13,8 Milliarden US-Dollar erreicht. Dabei hätten vor allem  Finanzierungen über mehr als 100 Millionen Dollar zugenommen. „2018 gab es noch zwölf solcher Mega-Investitionen, 2019 waren es bereits 27“, sagt Borreck. „Ganz eindeutig geht es darum, sich zügig Marktanteile zu sichern.“

Europa spielt in dieser Entwicklung indes eine auffallend kleine Rolle. Von den knapp 14 Milliarden Dollar Risikokapital floss gerade einmal eine Milliarde an europäische Logistik-Start-ups. Dafür werden insbesondere chinesische und US-amerikanische Jungunternehmen mit aggressiven Expansionsstrategien von Kapitalgebern für den weltweiten Digitalisierungswettbewerb aufgerüstet.

Zu den 30 Firmen, die 2019 mindestens 100 Millionen Dollar einsammelten, gehören 14 Start-ups aus den USA sowie fünf aus China. Allein die noch junge chinesische Digital-Spedition Mandang wurde mit einer Milliarde US-Dollar gepusht. Der Wyman-Logistikexperte ist sich sicher, dass einige dieser Firmen in absehbarer Zeit auch in Europa agieren werden, wo der  Straßengüterverkehr auf ein Umsatzvolumen von 400 Milliarden Euro taxiert wird. „Das ist zu verlockend, um darauf verzichten zu können“, sagt Borreck.

Quelle: Oliver Wyman
BLZ/Sabine Hecher; Quelle: KBA

Tatsächlich sind in dem genannten Top-30-Zirkel gerade einmal drei Start-ups aus Europa zu finden. Immerhin gehört das Berliner Unternehmen Sennder dazu. 120 Millionen Euro haben Investoren, darunter der Lkw-Hersteller Scania, bislang in die Firma gesteckt. Der zweistellige Millionenbetrag, der für die Everoad-Übernahme fällig wurde, kommt noch obendrauf. Damit ist das ehemalige Garagen-Unternehmen gut ausgestattet, um sich ebenfalls Marktanteile sichern zu können. Dafür ist die Größe der virtuellen Flotte entscheidend. Denn wer viele Transporteure und Trucks im Portfolio hat, kann schnelle Auftragserledigung garantieren und so wiederum seinen Kundenstamm vergrößern.

Aber die Konkurrenz schläft nicht. Allein von Berlin aus mischen mehrere Digital-Speditionen im internationalen Frachtgeschäft mit. Instafreight aus Kreuzberg etwa wurde 2016 maßgeblich von Rocket Internet angeschoben. Inzwischen ist auch Shell an der Online-Spedition beteiligt, die eigenen Angaben zufolge Laderaum von mehr als 10.000 Frachtunternehmen bündelt. 

Das ebenfalls 2016 gegründete und gerade erst in Forto umbenannte Unternehmen Freighthub vermittelt von der Backfabrik in Mitte aus Transportkapazitäten im weltweiten Land-, Luft- und Seeverkehr. Seit der jüngsten Finanzierungsrunde über 30 Millionen US-Dollar ist dort der dänische Logistikkonzern Maersk beteiligt.

Ist damit das Ende der traditionellen Spediteure besiegelt? Max-Alexander Borreck glaubt trotz des sich vollziehenden Umbruchs nicht daran. Zwar würden die Start-ups schneller Umsätze aufbauen, als sich die etablierten Speditionen umstellen können. „Aber die Winner-takes-it-all-Strategie der Investoren wird in vielen Fällen nicht aufgehen“, sagt er. Denn einerseits würden auch klassische Anbieter ihr Kerngeschäft digitalisieren. Zum anderen lasse sich das Speditionsgeschäft nicht zu 100 Prozent automatisieren. „Persönliche Kontakte, Vertrauen und Spezialwissen sind in diesem Geschäft nicht zu unterschätzen.“

Insofern sieht der Logistik-Experte die aufstrebenden Digital-Speditionen keineswegs als Selbstläufer und prophezeit ihnen in zehn Jahren einen Anteil am europäischen Straßengüterverkehr  von höchstens fünf Prozent. Damit wären aus heutiger Sicht aber dennoch wenigstens 20 Milliarden Euro zu verteilen.

Das größte Stück davon wollen sich die Logistik-Revoluzzer aus der Genthiner Straße holen. Sennder will Marktführer werden und in spätestens vier Jahren die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro knacken. Dass seit dem vergangenen Sommer auch Uber Freight, der 2018 gegründete Frachtableger des milliardenschweren Taxi-Killers Uber aus San Francisco in Europa agiert, nimmt man dabei betont gelassen. Sennder hofft auf frisches Kapital, um weiter expandieren zu können. „Wir werden definitiv noch weitere Firmen aufkaufen“, sagt Jung-Spediteur Köhler. Mit der Frage, ob er selbst einen Lkw-Führerschein besitzt, kann er bezeichnenderweise nicht viel anfangen: „Nein. Warum?“, fragt er zurück.