Würde man behaupten, die als das „Blaue Wunder“ bekannte mehr als 120 Jahre alte Dresdener Stahlbrücke hätte ihren Namen dem Unternehmen Novatic zu verdanken, es wäre schlicht gelogen. Allerdings, so sagt Firmengründer Wilfried Zill, wäre das Wunder von Dresden ohne Novatic weniger blau. Und dagegen ist nun wirklich nichts zu sagen.

Novatic ist ein mittelständisches Familienunternehmen, das sich im zurückliegenden Vierteljahrhundert mit Farbe einen Namen gemacht hat. Es entwickelt und fertigt maßgeschneiderte Lacke, Farben und Beschichtungsstoffe, die Dinge bunter oder haltbarer machen. Als Wilfried Zill den Chefsessel der Firma übernahm, hieß Novatic noch Dresdener Lackfabrik, war ein volkseigener Betrieb und nicht unbedingt mit einer sicheren Zukunft gesegnet. 1990 war das. Damals musste Zill die Lackfabrik in die Marktwirtschaft führen. „Nicht einfach, kann man sich ja denken“, sagt Zill trocken, aber er hat es gewagt. Es gab Erfolge und Rückschläge.

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Dass er nie auf einen eigenen Forschungs- und Entwicklungsbereich verzichtete, war für den heute 71-jährigen Diplom-Chemiker überlebenswichtig. „Hätten wir nicht selbst entwickelt, wären wir untergegangen wie alle anderen Lackfabriken in Ostdeutschland“, sagt Wilfried Zill. Über 30 Farbenhersteller gab es Ende der 80er Jahre in der DDR. Heute ist Zills Betrieb der letzte eigenständige seiner Art im Osten.

Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen im Dresdener Stammwerk 70 Mitarbeiter, 140 Beschäftigte sind es insgesamt. Produziert wird in Tschechien, Indien und Moskau. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 37 Millionen Euro.

Wilfried Zill hat noch immer ein Büro, aber er kommt nur noch unregelmäßig in den Betrieb. Im vergangenen Jahr haben seine Söhne übernommen. Bei der Frage, ob er sie dazu überreden musste, zögert der Seniorchef und gibt dann zu, dass er enttäuscht gewesen wäre, wenn sie nicht eingestiegen wären. Aber hätten sie das nicht gewollt, hätte er lieber verkauft. „Zum Unternehmer-Sein sollte man niemanden zwingen, das muss man wollen.“ Etwas gelenkt habe er aber schon.

„Jeder muss seine Fehler machen“

So machte Alexander, der heute als 41-Jähriger das Stammwerk führt, auf Rat seines Vaters zunächst eine Ausbildung zum Lacklaboranten und studierte dann Betriebswirtschaft. Berufspraktika machte er bereits im Familienbetrieb, um mit dem Diplom in der Tasche dann tatsächlich in die Firma einzusteigen. Das war 2001. Alexander war damals 27 Jahre. Sein sechs Jahre älterer Bruder Jochen gründete zunächst eine eigene Firma und kam erst 2008 in den Betrieb.

Seit dem vergangenen Jahr sind sie beide Geschäftsführer und geben dem Vater durchaus das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Und hat der Seniorchef dafür ein Rezept? Man müsse Vertrauen haben und Verantwortung übertragen. „Immer ein bisschen mehr.“ Natürlich habe er sich oft zwingen müssen, sich rauszuhalten. Aber anders ginge es nicht. „Jeder muss seine Fehler machen.“ Solange Fehler nicht die Existenz bedrohten, seien sie wichtig. Wilfried Zill ist zufrieden: „Ich muss sagen, seit ich raus bin, läuft es sogar noch besser.“