Sollen wir künftig mehr arbeiten, um die Folgen der Inflation abzufedern? Für die Linke-Bundestagsabgeordnete und promovierte Ökonomin Sahra Wagenknecht ist das ein absolutes No-Go. „Von der Rente mit 70 können nur Leute schwafeln, die von den harten Arbeitsbedingungen in vielen Berufen keinen blassen Schimmer haben“, kommentiert Wagenknecht den Vorstoß einiger Ökonomen gegenüber der Berliner Zeitung.

„Schon bis zum Renteneintrittsalter von 67 Jahren halten es viele Beschäftigte gar nicht durch. Diese Menschen jetzt auch noch die Schuld für steigende Preise zu geben und ihnen die Kosten für eine verfehlte Sanktionspolitik der Bundesregierung gegen Russland aufdrücken zu wollen, ist der Gipfel der Unverschämtheit.“ Gerade die Menschen in Deutschland würden die Auswirkungen der Russland-Sanktionen spüren.

Zuvor hatte der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Prof. Stefan Kooths, in der Bild-Zeitung erklärt, dass ein Mix aus alternder Gesellschaft, hoher Verschuldung und Energiewende in den nächsten Jahren zu einer steigenden Gefahr für die Preisstabilität werde. Das Problem ließe sich jedoch mit einem späteren Renteneintritt entschärfen, so Kooths.

Prof. Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg kritisierte seinerseits die Rentenpolitik der letzten Jahre inklusive der Grundrente, die „mit immer neuen Schulden“ finanziert worden sei. Der Ökonom Gunther Schnabl von der Universität Leipzig bemängelte ebenfalls in der Bild, dass in Deutschland schon heute Hunderttausende Stellen unbesetzt seien, weswegen auch die Löhne steigen und die Preise steigen würden.

Wagenknecht zeigt sich von diesen Argumenten unbeeindruckt. „Nicht die Rentner sind für die Wahrung der Preisniveaustabilität verantwortlich, sondern die Europäische Zentralbank“, sagte sie der Berliner Zeitung. „Außerdem kann die Ampel-Regierung den Preisanstieg dämpfen, indem sie für Energie einen Preisdeckel erlässt und die Privatisierung und Liberalisierung des Energiesektors rückgängig macht.“

Kevin Kühnert: Die SPD lehnt „feuchte neoliberale Träume“ ab

Auch SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert hat den Vorstoß der drei Ökonomen inzwischen kritisiert. Die SPD werde nicht zulassen, dass Rentner zu Inflationstreibern und volkswirtschaftlichen Risikofaktoren erklärt werden, sagte Kühnert dem Tagesspiegel.

Der Vorschlag, die Rente ab 70 wegen der Inflation und des Fachkräftemangels zu prüfen, findet der 32-Jährige „respektlos“. Schon jetzt würden viele Menschen in ihrem erlernten Beruf nicht das Renteneintrittsalter erreichen, weil sie nicht mehr so hart arbeiten könnten. Die SPD akzeptiere nicht, dass immer „die gleichen Leute“ das Thema Inflation missbrauchen würden, um ihre „feuchten neoliberalen Träume“ der Vergangenheit wegen der drohenden sozialen Schieflagen zu verwirklichen.

Die FDP-Fraktion schlägt eine Alternative vor

Was sagt die FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag nur dazu? „Die Diskussion über ein festes Renteneintrittsalter passt aus Sicht der FDP nicht mehr in eine moderne Gesellschaft“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, Lukas Köhler, der Berliner Zeitung. „Was wir in Deutschland brauchen, ist grundsätzlich mehr Flexibilität beim Übergang in die Rente. Wer länger arbeitet, muss davon finanziell profitieren.“

Heute dagegen stünden viele arbeitswillige Rentner dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, betont der FDP-Politiker. Das seien alles Fachkräfte, die in den Unternehmen fehlen würden. „Wir wollen kein höheres Renteneintrittsalter, sondern die richtigen Anreize setzen, dass die Menschen, solange sie fit sind, länger arbeiten.“

Finanzministerium: Staat kann Wohlstandsverlust nicht ganz abfedern

Das europäische Statistikamt Eurostat hat am Mittwoch die Inflation im Euroraum für April leicht nach unten auf 7,4 Prozent korrigiert. Während etwa die US-Notenbank oder auch die Bank of England den Leitzins bereits erhöht haben, stellt die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, eine Leitzinserhöhung erst im Juli in Aussicht.

Die EZB sei ihrem Primärmandat der Preisstabilität verpflichtet und unabhängig von der Politik, betont Justin Firrell, Sprecher für Internationale Finanz- und Wirtschaftspolitik in Christian Lindners (FDP) Ministerium gegenüber der Berliner Zeitung. Die Bundesregierung respektiere dies, ergreife aber auch selbst Maßnahmen gegen die Inflation.

Zu dem Entlastungspaket für Bürgerinnen und Bürger gehören die Anhebungen der Pendlerpauschale (+3 Cent pro Kilometer), des Grundfreibetrags (+240 Euro) und des Arbeitnehmerpauschbetrags (circa +200 Euro). Auch die Energiepreispauschale in Höhe von 300 Euro wird einmalig im September ausgezahlt, muss allerdings versteuert werden.

„Die Entlastungspakete stärken die Kaufkraft der Haushalte und die Liquidität der Unternehmen“, betont auch der Ministeriumsprecher Firrell. „Diese Maßnahmen wirken dabei als Stoßdämpfer, ohne Marktkräfte aufzulösen. Natürlich gilt aber auch, dass der Staat einen Wohlstandsverlust, wie er sich jetzt durch den russischen Krieg einstellt, nicht vollumfänglich abfedern kann.“ Die Verbraucher müssten sich also auf größere Preiserschütterungen bei der Energie einstellen. Denn: Die Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland solle schnell verringert werden, so der Ministeriumssprecher.