Berlin - Sie sind die Herren des Geldes, gefürchtet und bewundert in aller Welt: die Börsenhändler. Von ihren Entscheidungen hängen Konzerne ab, Arbeitsplätze, sogar die Finanzen ganzer Staaten. Doch sind die „Master of the Universe“ in ihrer Existenz gefährdet. Ihre Zeit läuft ab. Schrittweise werden sie ersetzt – durch Maschinen. Automatisierte Handelssysteme machen in Deutschland bereits rund die Hälfte aller Aktienumsätze, an der Börse in Tokio stehen sie für drei Viertel aller Aufträge. Computer handeln mit Computern. Ohne Menschen. „Es ist wie im Film ‚Terminator‘“, sagte jüngst ein Börsenhändler in Tokio. „Die Maschinen kämpfen gegen die Menschen, und am Ende werden die Menschen fast ausgelöscht.“

Das Science-Fiction-Genre lebt von Geschichten, in denen die Roboter die Macht ergreifen. Von Helfern werden sie zur Bedrohung. In der Realität bedrohen sie allerdings nicht die Menschheit, sondern Arbeitsplätze. Damit bringen sie das gesamte ökonomische System ins Wanken – von den Steuereinnahmen über Einkommen bis zur Verteilung. Sollten die Menschen tatsächlich aus Fabriken und Büros vertrieben werden, steht das Wirtschaftssystem vor einem tiefgreifenden Wandel.

In den Horrorszenarien Hollywoods ist es meist die künstliche Intelligenz, die die Maschinen einen eigenen Willen entwickeln lässt, der sich dann gegen die Menschen richtet. Tatsächlich jedoch liegt die Gefahr weder im Willen noch in den  zunehmenden Fähigkeiten der Automaten, sondern im Zweck, zu dem die Unternehmen sie einsetzen: um Kosten zu senken, die Produktion zu rationalisieren, Gewinn und Umsatz zu erhöhen.

Sämtliche Branchen betroffen

Und das geht immer öfter und einfacher, nicht nur in der Industrie, auch bei Dienstleistungen. Computer ersetzen Sekretärinnen und Telefonverkäufer, Bankgeschäfte werden längst am Terminal erledigt, selbstfahrende Autos konkurrieren mit Taxifahrern, und der Roboter Robochef kann sogar die Arbeit von Chefköchen übernehmen. Gleichzeitig werden Maschinen immer billiger – PC sind für jedermann erschwinglich, und die Preise für Industrieroboter sind zwischen 1993 und 2007 um 80 Prozent gefallen. Damit werden sie zu Kostenkonkurrenten der Beschäftigten. Ergebnis: 45 bis 60 Prozent aller Jobs in Europa sind von Automatisierung bedroht, schätzt Jeremy Bowles vom Bruegel-Institut.

Im Ergebnis verläuft die Front nicht zwischen den Maschinen und der Menschheit.  „Es gibt in dieser Sache kein ‚Wir‘, sondern nur eine Reihe konkurrierender Interessen“, schreibt der Autor  Stephen Cave im britischen Magazin Economist. Im Klartext: Einige gewinnen, andere verlieren.

Kluft wird immer größer

Das hat dramatische Auswirkungen auf die Verteilung von Einkommen und Vermögen. Zum einen öffnet sich  die Einkommens-Schere zwischen hochqualifizierten Arbeitnehmern – die die Maschinen bedienen oder entwerfen – und jenen, die ihre Jobs verlieren oder die in niedrig bezahlte Tätigkeiten ausweichen müssen. „Wir sehen diese Job-Polarisierung allen Industrieländern“, warnt ein Papier der US-Zentralbank in New York. Ingenieure würden aufgewertet, andere Arbeitnehmer fallen zurück in schlechter entlohnte Tätigkeiten, die schwer automatisiert werden können: Friseure, Kellner, Krankenpfleger. Die wachsende Arbeitslosigkeit drückt zudem auf die Gehälter. „Damit sinkt nicht nur die gesamte Lohnsumme, sondern unter Umständen auch der Lohn pro Arbeitnehmer“, erklärt Robert Lawrence vom Peterson Institute in Washington.

Die fortschreitende Rationalisierung leitet die Einkommen vermehrt zu der  kleinen Gruppe, die die Technik besitzt: die Unternehmer, die Konzernchefs, die Vermögenden,  die Aktionäre. Ihnen gehört der Gewinn. „Wir nennen dieses Phänomen ‚Der Gewinner erhält alles‘“, sagt Autor Martin Ford, der ein Buch zu den ökonomischen Folgen der Automatisierung geschrieben hat.

Das System steht auf dem Spiel

Mehr Arbeitslosigkeit und dauernder Lohndruck – damit  steht das gesamte System auf dem Spiel. Denn wer keinen Job hat, hat kein Einkommen und zahlt auch keine Einkommensteuer, im Gegenteil: Er braucht Lohnersatzleistungen. Erhält er sie nicht oder nur in geringem Maße, fällt dies auf das gesamte Wirtschaftssystem zurück. Wer kauft all die Dinge, die die Maschinen herstellen? Die Roboter jedenfalls nicht. Sie brauchen keine Autos, keine Sonnencreme, keine Computer.

Der Wettbewerb um höhere Produktivität untergräbt das System. Was tun? Eine Idee ist die Absenkung der Arbeitskosten, damit Beschäftigte in der Kostenkonkurrenz mit den Automaten bestehen können. So schlug Microsoft-Gründer und Multimilliardär Bill Gates jüngst die Abschaffung der Lohnsteuern vor, um Arbeit zu verbilligen.

Die permanente Lohnsenkung kann allerdings nicht die Lösung sein, da sie die Grundprobleme eher verschärft: Teilung in Arme und Reiche, sinkende Steuereinnahmen. Daher fordern andere eine grundlegende Umverteilung der Steuerlast: Durch stärker progressive Steuersätze könnte der Staat sich den Reichtum dort aneignen, wo er vermehrt anfällt, schlägt Ford vor. In die gleiche Richtung zielen Forderungen nach höheren Steuern auf Unternehmensgewinne, Kapitalerträge und Vermögen – oder gleich auf Maschinen.

Der Staat ist gefordert

Schon vor 20 Jahren schlug der US-Ökonom Arthur Cordell eine so genannte Bit-Tax vor. Mit ihr würde der Informationsfluss besteuert, eine Art Umsatzsteuer auf den digitalen Verkehr. Die Bit-Tax würde nicht vom Nutzer bezahlt, sondern bei den Telekom-Firmen, Satelliten- und Kabelnetz-Betreibern eingezogen.

Auch beim Arbeitsangebot wäre der Staat gefragt. Durch eine radikale Arbeitszeitverkürzung könnte das Anwachsen der Arbeitslosen verlangsamt werden. Über eine Reform des Bildungswesens mit einer Konzentration auf hochqualifizierte Tätigkeiten Weise könnten größere Teile der Bevölkerung an der technologischen Entwicklung teilhaben.

Für den abgehängten Rest, so ist sich der amerikanische Vordenker Marshall Brain sicher, bleibt allerdings nur eine Lösung: Die Entkopplung von Arbeit und Einkommen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, das jeder erhält, der keinen Lohn bezieht. Brains Vorschlag: Jeder Amerikaner erhält 25.000 Dollar pro Jahr. Ähnlich denkt auch der US-Ökonom Cordell: „Wir müssen die Beschäftigung als Form der Einkommenserzielung in Frage stellen.“

All dies sind jedoch Gedankenspiele, ein Terrain für Visionäre. Tatsächlich, so Ford, geht die Politik in den vergangenen Jahrzehnten genau in die entgegengesetzte Richtung: Steuern für Unternehmen und Vermögende werden eher gesenkt, der Druck auf Arbeitslose erhöht und Sozialprogramme gestrichen. „Wir sind dabei, die letzten Sicherheitsnetze zu zerstören.“

Im Hollywood-Streifen „Terminator“ wechselt die Killer-Maschine die Seiten: Nachdem Arnold Schwarzenegger  im ersten Teil der Reihe  noch Menschen jagt, wird er durch Umprogrammierung im zweiten Teil zu ihrem Retter. Das ist die Filmwelt. In der realen Welt müssen nicht die Maschinen neu justiert werden, sondern das System von Einkommen und Verteilung.