Frankfurt/Main - Er fällt nicht auf. Bei Präsentationen auf großen Autoshows steht er plötzlich etwas unscheinbar neben der Bühne und hört aufmerksam zu. Er ist 62 Jahre alt, doch er wirkt noch immer jugendlich, trotz des schlohweißen Haares, das in letzter Zeit etwas dünner geworden ist. Vielleicht liegt das mit der Jugendlichkeit daran, dass Matthias Müller ein Mensch mit offenbar starker Körperspannung ist. Das passt jedenfalls zu seinem Naturell.

Er gilt als entschlossen und zielstrebig. Diese Eigenschaften wird er in nächster Zeit mehr denn je brauchen. Denn der jetzige Porsche-Chef soll neuer Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns werden, der in einer der schwersten Krisen seit seiner Gründung steckt. Die Personalie meldeten am Donnerstagabend übereinstimmend mehrere Medien und Nachrichtenagenturen. Für Müller gebe es eine Mehrheit im Aufsichtsrat, hieß es. Das Kontrollgremium will eigentlich erst am heutigen Freitag zusammenkommen, um über den Nachfolger von Martin Winterkorn zu beraten, der am Mittwoch im Zuge der Abgas-Affäre bei VW zurückgetreten war.

Müller war schon im Frühjahr in der Favoritenrolle, als der damalige Aufsichtsratschef Ferdinand Piech Winterkorn vom Hof jagen wollte. Als sich nun die Rücktrittsforderungen wegen manipulierter Abgaswerte häuften, wurde sein Name sofort wieder als erster genannt. Für viele war Müller der natürliche Kandidat für den Posten.

Er passt in das System der dynastischen Nachfolge bei Volkswagen wie kein anderer, denn er hat sich über viele Stationen in fast 40 Jahren im Konzern nach oben gearbeitet. Stallgeruch nennt man das. Eigentlich soll ein VW-Chef  ein Ingenieur sein, der weiß wie man ein Auto zusammenbaut. Das kann Müller zwar nicht vorweisen. Er hat einen Abschluss als Diplom-Informatiker. Aber immerhin startete er einst seine berufliche Laufbahn mit einer Lehre als Werkzeugmacher bei Audi. Nach seiner  Zeit an der Uni kehrte er zum Ingolstädter Autobauer zurück, wo er als Verkaufsmanager das damals neue Kompaktmodell A3 zum Verkaufsschlager machte.

Damit sammelte er bei seinem damaligen Chef viele Punkte, der hieß Martin Winterkorn. Müllers Karriere ist eng mit dem Werdegang von Winterkorn verknüpft, und zugleich war der geschasste Firmenpatriarch Ferdinand Piech einer seiner größten Förderer.

Müller kommt mit Erfolgen im Gepäck

Als Winterkorn 2007 Vorstandschef bei Volkswagen wurde, holte er Müller nach Wolfsburg, um für den Konzern eine neue Produktstrategie zu entwickeln, die wichtig für den nachfolgenden Erfolge des Unternehmens war. Sein zweiter Förderer (Piech) schickte Müller drei Jahre später in sehr heikler Mission nach Stuttgart-Zuffenhausen, um die Integration des Sportwagenbauers Porsche in den Volkswagen-Konzern zu organisieren.

Die stolzen Porsche-Leute mussten davon überzeugt werden, dass ihre noblen Karossen künftig eine von einem Dutzend Marken im Unternehmen sind und auch an dem berühmten Baukastensystem von Volkswagen partizipieren sollen. Das hat Müller mit Bravour geschafft. Heute steht Porsche besser denn je da. Müller hat die Modellpalette ausgebaut, vor allem bei den SUV. Porsche ist heute die Marke im Konzern, die die mit Abstand höchsten Renditen erwirtschaftet.

Der neue Mann steht für Kontinuität

Zu seinen Erfolgen als Manager kommt, dass er sich der Unterstützung der wichtigsten Interessengruppen im Aufsichtsrat sicher sein kann. Vor allem der Porsche-Piech-Familienclan, der die Mehrheit der Volkswagen-Stammaktien hält, dürfte sich für ihn stark gemacht haben. Er hat aber nach Informationen von Insidern überdies die Überstützung des mächtigen Betriebsrats und der IG Metall sicher. Er ist für die Arbeitnehmervertreter berechenbar. Er steht für Kontinuität, auch was die Arbeitsplätze angeht. Experimente etwa mit dem massiven Auslagern von Fertigung an Zulieferer sind von ihm erst einmal nicht zu erwarten. Das ist wichtig, um die Belegschaft nicht zu verunsichern.

Alle die Vorzüge könnten aber in der aktuellen Situation auch zu einem Manko werden. Müllers erste Aufgabe ist, beim Abgasskandal aufzuräumen, für Transparenz und neues Vertrauen zu sorgen. Doch bei einem Manager der so stark im Konzern verankert ist, stellt sich sofort Frage: Was wusste er von der jahrelangen systematischen und vorsätzlichen Manipulation von Abgaswerten bei Diesel-Fahrzeugen?  

Ein weiterer Nachteil könnte sein Alter sein. Er selbst sagte vor einiger Zeit: „Ich bin für den Job zu alt“ – als er auf den Posten des VW-Vorstandsvorsitzenden angesprochen wurde. Allerdings nahm er die Aussage kurze Zeit später zurück. Jugendlichen Elan und viel Körperspannung wird er in den nächsten Jahren auch für seine eigentliche Hauptaufgabe brauchen. Der gesamte Konzern muss umgebaut werden. Er soll flexibler, schneller und dezentraler werden. Das bedeutet auch, dass sein neuer Arbeitsort in der Wolfsburger Konzernzentrale an Bedeutung verlieren muss.