MRT-Aufnahmen eines Gehirns.
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Berlin-KreuzbergMöckernstraße 63, Erdgeschoss. Hier hat sich ein Jungunternehmen niedergelassen, das vor wenigen Wochen von der Plattform Für-Gründer.de zum zweiterfolgreichsten deutschen Start-up gekürt wurde. „Mediaire“ steht am Klingelknopf zu einer Tür, hinter der ein 20-köpfiges Team arbeitet, um „mit einzigartigen Software-Lösungen den Alltag von Radiologen zu revolutionieren“. Unter dem machen sie es nicht.

Das Start-up wurde 2018 von Andreas Lemke und Jörg Döpfert gegründet. Sie wollten eine Software entwickeln, die auf Basis Künstlicher Intelligenz medizinische Bilddaten in der Radiologie analysiert und so die Arbeit des Radiologen erleichtert. Aufnahmen eines Magnetresonanztomographen, kurz: MRT, sollten von einem Computer-Programm beurteilt werden. „Aktuell verlassen sich viele Radiologen bei der Beurteilung sehr auf ihre Erfahrung“, sagt Andreas Lemke. Die Software-Lösung Mdbrain dagegen würde ihnen zusätzlich belastbare Informationen ähnlich einem Laborbefund liefern und krankhafte Veränderungen genau aufzeigen.

Konkret geht es um Hirnvolumetrie-Messungen bei Demenz- und Multiple-Sklerose-Patienten mithilfe der Magnetresonanztomographie. Für die Bewertung von MRT-Aufnahmen des Gehirns eines Patienten werden diese mit einer Datenbank aus mehreren Tausend Aufnahmen gesunder Gehirne verglichen. Zugleich können kleinste Veränderungen exakt ermittelt werden. Wie es bei Mediaire heißt, könnte der Arzt dank der Software binnen fünf Minuten zu einem Befund kommen, der bei herkömmlicher Begutachtung etwa 20 Minuten verlangt. Allerdings gehe es nicht um weniger Zeit, sondern auch um mehr Sicherheit. „Das Programm schätzt nicht, es berechnet.“

Jörg Döpfert (l.) und Andreas Lemke.
Foto: Mediaire

Mediziner und Techniker

Inzwischen ist Mdbrain europaweit als Medizinprodukt zugelassen und bundesweit in vielen Radiologie-Praxen im Einsatz. Dafür wurde die Software, und darauf legt man bei Mediaire wert, direkt auf dem Server der Praxis installiert. Das Programm laufe also nicht in einer Cloud, heißt es bei dem Start-up. Man verweist auf die Datensicherheit.

Tatsächlich ist das Mediaire-Team eine Art Schmelztiegel von Technik und Medizin. IT-Spezialisten arbeiten mit Ärzten zusammen, und vor allem die beiden Firmengründer sind vom Fach. Beide haben medizinische Physik studiert, in der Magnetresonanztomographie promoviert und auch IT-Erfahrung gesammelt. So war Lemke unter anderem Systementwickler bei Bosch. Döpfert entwickelte bei Flixbus Software-Lösungen auf Basis Künstlicher Intelligenz.

Aktuell läuft bei Mediaire die Erweiterung von Mdbrain. Das Programm soll künftig auch bei der Beurteilung von Rückenmarks-, Knie- oder Prostata-Erkrankungen helfen. Zudem will man expandieren. „Bis zum Ende dieses Jahres wollen wir unseren Service auf ganz Europa ausdehnen und suchen dafür nach Investoren“, sagt Andreas Lemke. Rund vier Millionen Euro wollen die Kreuzberger einsammeln. Bislang haben sich Investoren mit 1,6 Millionen Euro an Mediaire beteiligt.