Wenn ein Pharmaunternehmen ein neues Medikament entwickelt und zur Marktreife gebracht hat, ist allenfalls die halbe Arbeit geschafft. Schließlich muss das Präparat auch noch so vermarktet werden, dass es von den Ärzten kräftig verschrieben wird. Wie erfolgreich die Firmen dabei sind, auch wenn das neue Präparat Probleme mit sich bringt, zeigt der am Dienstag vorgestellte Arzneimittelreport der Krankenkasse Barmer GEK. Darin beschäftigt sich der Pharmaexperte Gerd Glaeske von der Universität Bremen eingehend mit einem relativ neuen Arzneimittel des Pharmakonzerns Bayer AG. Es geht um den Blutverdünner Xarelto, der zum Schutz vor einem Herzinfarkt oder vor Schlaganfällen eingesetzt wird.

Seit Jahrzehnten gibt es für diesen Zweck bewährte Präparate wie zum Beispiel Marcumar. Unbestritten ist, dass das neue Bayer-Produkt die Anwendung für die Patienten erleichtert, weil bestimmte Untersuchungen nicht mehr erforderlich sind. Gleichzeitig birgt es aber auch Risiken. Denn im Gegensatz zu den bisherigen Präparaten fehlt hier noch ein Gegenmittel, um unerwünschte Blutungen zu stillen. Eine Blutung kann daher tödlich enden.

Tatsächlich werden zunehmend Probleme im Zusammenhang mit Xarelto verzeichnet. Laut Report registrierte das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 2013 insgesamt 133 Meldungen über „tödliche Verläufe“ und 1400 Meldungen über schwere Nebenwirkungen. Obwohl ein Kausalzusammenhang noch nicht bestätigt werden könne, habe man es mit einem problematischen Arzneimittel zu tun, betonte Glaeske.

Doch Bayer hat mit einem intensiven Marketing dafür gesorgt, dass die Verordnungsfreudigkeit der Ärzte nicht sinkt. Im Gegenteil: Laut Glaeske stiegen die Ausgaben für Xarelto in Deutschland von 93 Millionen Euro in 2012 auf 282 Millionen Euro im Jahre 2013. Das entspricht einem Plus von 205 Prozent!

Abgesehen von den möglichen Problemen für die Patienten hat diese Entwicklung auch Folgen für die Krankenkassen. Denn Xarelto ist mehr als zehnmal teurer als die herkömmlichen Wirkstoffe. Obwohl auf das Bayer-Produkt bisher nur 18 Prozent aller Verordnungen entfallen, entstehen hier bereits 63 Prozent aller Kosten in diesem Arzneimittelsegment. Zum Vergleich: Marcumar hat bei Verordnungen einen Anteil von 75 Prozent, bei den Kosten aber nur einen von 13 Prozent.

Wäre das Bayer-Präparat erst nach 2011 auf den Markt gekommen, dann hätte es dank einer Gesetzesänderung eine umfangreiche Kosten/Nutzen-Bewertung des Medikamentes gegeben, bei der auch das Risiko eine Rolle gespielt hätte. Eigentlich war geplant, diese Bewertung schrittweise auf alle Medikamente auszudehnen, die bereits auf dem Markt sind. Doch das wurde von der großen Koalition gestoppt.

Das erschien zunächst wie eine pragmatische Lösung, schließlich ist diese Bewertung extrem aufwendig und klageanfällig. Doch das Beispiel Xarelto zeigt, dass der Verzicht zu Lasten der Patientensicherheit und der Kassen gehen kann. Die Koalition sollte daher ihre Entscheidung überdenken und einen gangbaren Weg suchen, um die Patienten zu schützen und die Ausgaben der Krankenkassen zu stabilisieren.