Tüten schleppen, abhetzen, Geschenke verpacken – mehr als ein Viertel der Berliner hat davon die Nase voll.
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BerlinWeihnachten, das Fest der Liebe und Besinnlichkeit, sieht in den Vortagen gänzlich unbesinnlich aus: Die Einkaufsliste ist lang, das Stresslevel hoch, die Läden überfüllt. Ein Viertel der Berlinerinnen und Berlin aber hat darauf nur noch wenig Lust – sie wollen sich 2019 beim Schenken in Verzicht üben. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung.

27 Prozent der Berliner wollen demnach in diesem Jahr weniger Geschenke kaufen als in den Vorjahren. 55 Prozent wollen in etwa so viele Geschenke kaufen wie bisher. Und sieben Prozent wollen sogar mehr in Geschenke investieren.

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Ingo Balderjahn, Professor für Konsumforschung an der Universität Potsdam, überraschen diese Zahlen. Denn die Berlinerinnen und Berliner laufen damit gegen den Trend. Die Wirtschaftslage ist stabil, in den meisten bundesweiten Umfragen wollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer deswegen gleich viel oder sogar mehr für Geschenke ausgeben.

Inspiriert von Greta

„27 Prozent, die weniger kaufen wollen – das ist schon eine Marke“, sagt Balderjahn. „Man könnte vorsichtig sagen: Da macht sich ein Greta-Effekt bemerkbar.“ Greta Thunberg demonstriert seit August 2018 für mehr Klima- und Umweltbewusstsein, hat so die Jugendprotestbewegung Fridays for Future inspiriert und eine weltweite Debatte ausgelöst.

Balderjahn warnt allerdings davor, die Antworten überzubewerten. Denn was man in einer Umfrage sage und was man tatsächlich umsetze, seien gerade beim Thema Konsum zwei sehr unterschiedliche Dinge. Immerhin aber scheine das Thema überhaupt im Kopf vieler Berliner angekommen zu sein, sagt Balderjahn. „Darüber kann man sich schon sehr freuen.“ Am Grundproblem aber löse das wenig: Die Deutschen kaufen insgesamt noch immer zu viel – gerade und vor allem an Weihnachten, sagt Balderjahn.

475 Euro geben die Deutschen einer Erhebung der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in diesem Jahr im Schnitt für Geschenke aus. Bei den Berlinerinnen und Berlinern sind es 481 Euro – damit liegt die Hauptstadt im Bundesländer-Vergleich auf Platz 5.

Geschenketrends

Dabei ist das Shoppen online inzwischen ebenso beliebt wie das Bummeln im Laden: 63 Prozent der Befragten nennen das Einkaufszentrum nach wie vor als wichtigste Anlaufstelle für die Weihnachtseinkäufe. Für 61 Prozent ersetzt das Internet den Einzelhandel in der Innenstadt.

Als Geschenk am beliebtesten sind an erster Stelle Gutscheine, gefolgt von Kosmetik und Körperpflege, Tickets für Konzerte und Theater, Bücher, Schreibwaren, Schmuck und Spielzeug. Mode, das beklagt die Wirtschaft bereits seit Wochen, schneidet schlecht ab – weil es warm ist und die teuren Winterstücke liegen bleiben.

Nachhaltiges schenken

Wie aber kauft man überhaupt nachhaltig ein, ethisch bewusst? Ganz einfach, sagt Balderjahn. Wenn man nicht nur die eigenen Interessen beachte, sondern seine Entscheidung auch nach Faktoren wie Tierwohl, Klimabilanz und Arbeitsbedingungen treffe. Dafür allerdings ist es notwendig, sich über die Produkte zu informieren. Siegel und Zertifikate können einen leichten Überblick geben – bewährt habe sich zum Beispiel das Fairtrade-Siegel, bei dem Produzenten in Entwicklungsländern einen festgelegten Mindestpreis erhalten.

Am wirksamsten und am einfachsten sei aber immer noch: weniger Materielles kaufen, stattdessen Erlebnisse und Zeit schenken, sagt Balderjahn. Den Begriff „Verzicht“ lehnt er dabei kategorisch ab – denn der suggeriere, dass man einen Verlust spüre. Seine Arbeit aber habe gezeigt: „Wir vermissen gar nicht, was wir nicht kaufen – weil wir es überhaupt nicht brauchen.“